Eine Reise für die Geschichtsbücher
Mit Ersatzteilen nach Paris
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Eine Moped-Tour nach Paris: Zwei junge Männer aus Ostdeutschland stellten sich nach dem Mauerfall der Herausforderung. Auch Jahrzehnte später sorgen die Erinnerungen für Gänsehaut.
Von Katharina Rögner
Es ist eine der Geschichten des Aufbruchs und der Freiheitsliebe, eine von denen, die für manche unvorstellbar erscheinen. Nicht zuletzt ist sie der friedlichen Revolution 1989 zu verdanken und der dort erkämpften Reisefreiheit. André Kiesewalter und Torsten Naumann haben sich vor 35 Jahren einen persönlichen Traum erfüllt: Sie wollten endlich selbst vor dem Pariser Eiffelturm stehen.
Im August 1990 fuhren sie mit ihren Mopeds von Dresden nach Paris. Ein Foto des glücklichen Ankommens im Großformat ist heute Teil der Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig - samt Kiesewalters damaligem Moped, Baujahr 1968.
Was sie dazu bewogen hat, „etwas so Verrücktes zu machen“, wissen sie heute nicht mehr so genau. „Jugendlicher Leichtsinn“, vermutet Kiesewalter: Oder vielleicht war es „die Lust, nach dem Mauerfall, die uns offen stehenden Türen noch weiter zu öffnen.“ Auch hatten sie zu diesem Zeitpunkt weder Auto noch Motorrad. Aber die beiden jungen Männer, damals 20 und 21 Jahre alt, waren jeweils stolze Besitzer einer SR 2, einer Simson Rheinmetall 2, die liebevoll „Essi“ genannt wurde.
Die technischen Daten sorgen mit Blick auf die Paris-Tour für Staunen: 1,5 PS, ein Sitzplatz, zwei Gänge und 45 km/h Höchstgeschwindigkeit. Nicht einmal ein Kennzeichen war für diese Fahrzeuge in der DDR nötig. 14 Tage Urlaub hatten die beiden damaligen Beschäftigten der Dresdner Flugzeugwerft eingereicht, das musste für das Abenteuer reichen.
Um die Mopeds zu schonen, legten sie die erste Etappe bis ins hessische Bebra an der ehemaligen innerdeutschen Grenze mit dem Zug zurück. Die Straßen im Osten seien viel zu schlecht gewesen, sagt der 56-jährige Kiesewalter, ein schlanker Mann mit Brille und Locken. Da hätten die Mopeds kaputtgehen können, noch bevor die Reise überhaupt so richtig losging.
Das eigentliche Abenteuer begann spätestens mit der zweiten Etappe - nun auf westdeutscher Seite. „Alles war irgendwie anders, besser, selbst der Geruch des Benzins“, erinnert sich Kiesewalter, der heute im sächsischen Pirna lebt und erfolgreich einen Kopier- und Druckshop betreibt. Gut befahrbare Straßen, schöne Häuser, aufgeschlossene Menschen - alles sei so lebensbejahend gewesen. Außerdem war es „absolut skurril“ für sie, „auf dem Plattenweg in der ehemaligen Todeszone mit dem Moped rumzufahren“.
Sie kamen voran, wenn auch nicht besonders schnell. Pro Tag schafften sie zwischen 170 und 220 Kilometer. Es galt das Motto: „Immer der Sonne nach, immer auf der Landstraße“, sagt Kiesewalter. Regentage hatten sie nicht, dafür einige Pannen.
Doch sie hatten vorgesorgt: Kiesewalter führte mehrere Kilo Ersatzteile mit sich im Gepäck. Lockere Radmuttern, kaputte Zündkerzen - unterwegs waren mehrere Reparaturen notwendig, eine sogar mitten in Paris.
Dazu kamen starker Wind, manchmal auch öde Landstraßen: Zeitweise sei jeder zurückgelegte Kilometer eine Qual gewesen, erinnert sich Kiesewalter. Kurz vor dem Ziel wollte sein Kumpel am liebsten aufgeben. Doch das war für Kiesewalter keine Option. Die letzte Etappe am nunmehr fünften Tag meisterten die beiden Männer sogar ohne jegliche Straßenkarte, denn ihre endete an der deutsch-französischen Grenze. Smartphones gab es noch nicht.
„Wir gingen davon aus, dass Paris ausgeschildert ist“, kommentiert Kiesewalter. Das sei zunächst auch gut gelaufen. Doch in den Straßen und Gassen der französischen Metropole verloren sie die Orientierung. Ohne Stadtplan irrten sie mit ihren stinkenden Mopeds umher, den Eiffelturm fanden sie zunächst nicht. „Gefühlte sechs Spuren rechts und links und mittendrin zwei Dresdner auf ihren Zweigangmopeds“, erzählt Kiesewalter. Schließlich führte ein zweiter Anlauf am Folgetag an das ersehnte Ziel.
Im Zeitgeschichtlichen Forum sorgt die blaue SR 2 regelmäßig für Staunen. Sie sei ein Symbol für neu gewonnene Freiheiten, sagt die Direktorin des Forums, Uta Bretschneider. Diese Geschichte mache zudem Mut, „Unmögliches möglich zu machen, sich etwas zuzutrauen“.
Kiesewalter, der bis heute SR 2-Mopeds besitzt, erinnert sich: Am Ende der rund 2.000 Kilometer langen Tour sei dann wieder „das Grau ostdeutscher Städte“ gewesen - mit schlechten Straßen und schlechter Luft. Doch eines vergesse er nicht: „Überall spürten wir die Aufbruchstimmung.“
(epd)
Autor:Online-Redaktion |
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