Musici Jenenses: 60 Jahre Chor-Geschichten
Haydn auf Hiddensee

Was für Stories! Von einem Cello, das so feurig gespielt wurde, dass Qualmwolken aufstiegen. Von einem toten Kapitän, der des nachts zum zweiten Mal auf dem Friedhof von Kloster unter die Erde gebracht werden musste. Vom Verreisen per Eisenbahn – nicht nur mit Koffern, Kindern, Kontrabass und Fahrrädern, sondern auch mit einem Spinett als Handgepäck – inclusive Umsteigen aufs Schiff. Von glücklichen und unglücklichen Liebespaaren.

Von Christa Schmidt

Schier unendlich scheint der Vorrat an Geschichten zu sein, den sich die Musici Jenenses jedes Jahr auf der Insel Hiddensee erzählen. Es sind ihre eigenen Geschichten aus fast 60 Jahren. 1962 kamen sie – die meisten als Jenaer Studenten – zum ersten Mal nach Kloster, um in der kleinen Inselkirche zu musizieren: Bach, Mozart, Haydn, Beethoven, und auch ihre eigenen Werke. Um schließlich am Ende eines jeden Konzertsommers mit ihrem Publikum herzergreifend zu singen und zu spielen „Der Mond ist aufgegangen".

Diese bunte Musikantentruppe – bestehend aus großen Künstlern, berühmten Instrumentalisten, Dirigenten ebenso wie Laiensängern und Musikliebhabern, Alten, Jugendlichen, Kindern, Erwachsenen – sollte selbst erzählen, was sie an die Insel Hiddensee bindet. Und das taten sie. In über 70 Interviews haben sie immer wieder auf dieselben Fragen geantwortet, und dabei einen bunten Bilderbogen des Lebens und Musizierens in und mit dieser Gemeinschaft der Musici aufgeblättert.


"Wer hier mitmachte, wurde nicht selten auch von Vorgesetzten gemaßregelt"

Dabei ging es keineswegs immer um lustige Schnurren. Vor allem in den 1960er-und 70er-Jahren war das Schicksal der Gemeinschaft mehrfach ungewiss, blieb doch kirchlichen Ensembles durch die SED-Kulturpolitik und den „Bitterfelder Weg“ das Musizieren in staatlichen Konzerträumen plötzlich verwehrt. Wer hier mitmachte, wurde nicht selten auch von Vorgesetzten gemaßregelt. Eine Heimat fanden die Musici schließlich unter dem Dach des Kirchenchorwerkes der Thüringer Landeskirche. Dazu gehören sie bis heute.

Oft auch waren persönliche Lebenswege mit der Gemeinschaft der Musici verbunden. Da wurden Ehen geschlossen, hitzige Debatten um politische wie religiöse Themen geführt, ein katholisches Priesteramt niedergelegt, schließlich gar Ausreiseanträge gestellt – und nach der Wende fanden sich in der kleinen Inselkirche schließlich Musikanten aus Ost wie West zum gemeinsamen Musizieren. So mancher West-Musikant erzählt, was er auf Hiddensee über das Leben in der DDR gelernt hat.

So findet die bald 60-jährige Geschichte der Musici jedes Jahr ihre Fortsetzung. Auch in diesem Sommer waren sie wieder auf Hiddensee. Und blieben so selbst über die Corona-Zeiten hinweg der Insel treu. Genau wie ihrem Motto: Cantate domino – Singt dem Herrn.

Reiser-Fischer, Angelika: Cantate domino – Die Musici Jenenses auf der Insel Hiddensee, Evangelische Verlagsanstalt, 200 S., ISBN 978-3-374-06872-2; 18 Euro 

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Online-Redaktion

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