Kenah Cusanits Debüt »Babel«: Ein kluger Roman über das orientalische Erbe des Okzidents
Die verborgenen Wurzeln des Abendlandes

Kenah Cusanit: Babel. Hanser Verlag 2019,  272 S., ISBN 978-3-446-26165-5, 23 Euro.
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Ulfrid Kleinert

Kenah Cusanit hat sich für ihren Erstlingsroman viel vorgenommen: Mit psychologischem Geschick und feinem Humor erzählt sie aus der Perspektive des Bauforschers und Archäologen Robert Koldewey (1855–1925), was kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwischen Babylon, Konstantinopel und Berlin geschehen ist. Die Agonie des Osmanischen Reichs hat eingesetzt. Großbritannien, Frankreich und Deutschland wetteifern um die Aneignung der in der Erde des Orients verborgenen Wurzeln des Abendlands. Wissenschaft und Glaube werden gegeneinander in Stellung gebracht. Archäologen, Philologen, Museumsleiter streiten um die Deutungshoheit. Mittendrin die wie Koldewey in Blankenburg geborene Altorientalistin und Schriftstellerin Cusanit.
Die Beurteilung ihres »Romans« fällt zwiespältig aus: Einerseits beeindruckt die Fülle der Kenntnisse, die Cusanit über Orte, Zeiten und Personen erworben hat. Auch gelingt ihr eine prägnante Darstellung der Personen, allen voran des als kauzig-hypochondrisch, aber auch als fürsorglich-einfühlend gezeichneten Koldewey mit seiner ungeklärten Beziehung zur britischen Kollegin Gertrude Bell, die zugleich Spionin und Konkurrentin war. Andererseits gibt es viel scheinbar Belangloses wie etwa die seitenlange Namensliste der babylonischen Ausgräber oder die 500 Kisten, in denen die blau und mesopotamiengelb glasierten Lehmziegel des Ischtartores und der Prozessionsstraße auf den Wasserwegtransport nach Berlin warten. Dorthin gelangt der Schatz dank Bells Hilfe nach dem Krieg, um im Pergamonmuseum als Prachttor und -straße mit Löwen-, Stier- und Drachenmotiven neu aufgebaut zu werden.
Viel wird erwähnt, aber wenig gründlich interpretiert. »Babel« ist ein kluger historisch-psychologischer Roman ohne Spannungsbogen, ein kundiges Sachbuch ohne Systematik, aber auch ein phasenweise sehr anregender Blick auf das Koldewey’sche Jahr 1913, zwischen seinen eigenen Ansprüchen, den Erwartungen der Deutschen Orientgesellschaft sowie den Winkelzügen der Politik zwischen Europa und dem Osmanischen Reich. 

Kenah Cusanit: Babel. Hanser Verlag 2019,  272 S., ISBN 978-3-446-26165-5, 23 Euro.

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