Journalist erhielt Visum für Afghanistan
"Hier müssen wir helfen!"

Im separaten Hörsaal: In Afghanistan dürfen Männer und Frauen künftig nur noch getrennt studieren, kündigte der neue Taliban-Minister für höhere Bildung, Abdul Baki Hakkani, vergangenen Sonntag an. Außerdem bestehe für Frauen die Pflicht, «Hidschab» zu tragen. «Wir werden keine gemischte Erziehung erlauben», sagte er.
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  • Im separaten Hörsaal: In Afghanistan dürfen Männer und Frauen künftig nur noch getrennt studieren, kündigte der neue Taliban-Minister für höhere Bildung, Abdul Baki Hakkani, vergangenen Sonntag an. Außerdem bestehe für Frauen die Pflicht, «Hidschab» zu tragen. «Wir werden keine gemischte Erziehung erlauben», sagte er.
  • Foto: Fotos (2): Markus Spieker/Facebook
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Kabul: MDR-Journalist Markus Spieker erhielt überraschend ein Visum für Afghanistan. Der ehemalige Südasien-Studioleiter der ARD in Neu-Delhi berichtete in den vergangenen Wochen aus dem Land im Umbruch. Mit Willi Wild sprach er über seine Erfahrungen.

Mit welchen Gefühlen verlassen Sie Kabul?
Markus Spieker: Wie man sich vorstellen kann: mit äußerst gemischten. Einerseits bin ich natürlich erleichtert, dass alles ohne Zwischenfälle geklappt hat; andererseits denke ich mit echten Schmerzen an viele Menschen, die ich zurückgelassen habe: Frauen, die unter den Taliban ohne Perspektive sind; Angehörige von ethnischen Minderheiten oder sogar Christen, die um ihr Leben fürchten; Journalisten, die nicht mehr frei arbeiten können; ehemalige Beamte, die jetzt arbeitslos sind und sich als Händler oder gar Müllsammler betätigen müssen. Da gibt es so viele traurige Einzelschicksale, dass man ein ganzes Jahr darüber berichten müsste.

Welchen Gefahren waren Sie ausgesetzt?
Abgesehen von der grundsätzlichen Unsicherheit, die es in einem solchen Land in einer solchen Zeit immer gibt, habe ich mich nie sonderlich unsicher gefühlt. Es gab in meiner Zeit in Kabul keine Terroranschläge, auch keine Warnungen davor; die Taliban haben mich zwar immer wieder kontrolliert, mich aber korrekt behandelt. Sie brauchen ja die finanzielle und auch diplomatische Unterstützung des Westens. Deshalb haben wir ausländischen Journalisten, anders als einheimische, derzeit nicht so viel zu befürchten.

Wie bedrohlich ist die Lage für Frauen und Ortskräfte. Was haben Sie erlebt?
Für Frauen ist die Lage vor allem eins: düster. Wenn sie sich den Taliban und deren dumpfen Vorstellungen unterordnen, passiert ja nichts. Aber welche Frau, die ihr Recht auf Selbstverwirklichung wahrnehmen will, mag sich dahinein fügen?
Ganz schlimm ist es für Frauen, die einen künstlerischen Beruf hatten. Musik ist unter den Taliban verboten. Deshalb wurde auch das Nationale Institut für Musik dichtgemacht, das Mädchenorchester aufgelöst. Dessen Dirigentin, Negin, hat es allerdings mit Hilfe amerikanischer Unterstützer geschafft, auf einen der letzten Flieger vor Machtübernahme der Taliban zu kommen. Sie ist in Sicherheit. Vielen ihrer Mit-Musikerinnen geht das nicht so. Sie sind zum Teil bei ihren Familien untergekommen und wissen nicht, wie ihre Zukunft aussehen soll.
Bei den Ortskräften ist es so, dass meines Wissens noch einige im Land sind. Hier ist sicher Hilfe und Unterstützung wichtig. Man darf in der Berichterstattung allerdings nicht vergessen, dass es insgesamt 38 Millionen Menschen sind, denen düstere Zeiten bevorstehen.

Wie gestalteten sich Ihre Recherchen und wie konnten Sie arbeiten?
Wir hatten vor Ort eine afghanische Produktionsfirma, die technisch gut ausgerüstet war. Das Internet funktionierte fast tadellos. Insofern waren die Arbeitsbedingungen ganz okay. Auch mit dem Auto – natürlich mit Fahrer – konnte ich mich relativ gut durch Kabul bewegen, abgesehen vom dauernden Stau in der Innenstadt. Und bei meinen Recherchen habe ich ganz einfach die notorischen Quellen angezapft: meine afghanischen Mitarbeiter, andere ausländische Kollegen, ab und zu auch eine offizielle Verlautbarung der Taliban. Jeden Morgen am Frühstückstisch im Hotel haben wir internationalen Journalisten uns gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht: Irgendwas passiert in der Nacht, was soll heute passieren, wo fährt man am besten hin, welche Interviewpartner sollte man sich angeln? Und dann ging’s los …

Einige christliche Hilfsorganisationen sind im Land geblieben. Konnten Sie Kontakt aufnehmen? Haben Sie Christen getroffen?
Das war nicht ganz einfach. Ich habe mit Vertretern christlicher Hilfswerke gesprochen, die wollten aber nicht vor die Kamera, weil ihnen die aktuelle Lage noch zu unsicher war. Grundsätzlich gibt es von den Taliban ja die Zusage, Hilfswerke dürften weiter arbeiten – auch mit ihren weiblichen afghanischen Mitarbeitern. Vereinzelt gibt es in Afghanistan auch Menschen, die in den letzten 20 Jahren heimlich vom Islam zum Christentum konvertiert sind. Die leben jetzt tatsächlich in Todesangst und sehen keinerlei Perspektive mehr in Afghanistan.

Haben Sie neben all den bedrückenden Erlebnissen auch Hoffnungszeichen ausmachen können?
Natürlich gab es das. Immer, wenn ich gehört habe, dass ein Gegner oder eine Gegnerin des Taliban-Regimes den Weg aus dem Land geschafft hat. Um die anderen wird sich der Griff der Taliban immer enger schließen. Aber es gibt auch Menschen, vor allem Frauen, die mit unglaublichem Mut dagegen aufstehen, auf die Straße gehen, trotz Verbot protestieren. Diese Heldinnen müssen wir, auf jede erdenkliche Art, unterstützen. Jeder dieser Proteste ist ein kleines Hoffnungszeichen.

Was brauchen die Menschen in Afghanistan im Moment am nötigsten?
Tatsächlich finanzielle Unterstützung, bei der man nur sicher gehen muss, dass die Taliban damit nicht ihren Regierungsapparat finanzieren. Das ganze Land steht an der Schwelle zu einer humanitären Katastrophe. Jeder zweite Afghane lebt jetzt schon von weniger als einem Euro am Tag. In diesem Jahr gab es Missernten, natürlich die Corona-Krisen, eine hohe Inflation, immense Arbeitslosigkeit – und jetzt eben dieses Regime völlig unerfahrener Religionskrieger. Das kann nicht gut gehen. Und jetzt kommt der Winter, in dem es gerade in Kabul sehr kalt werden kann. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es dann den hunderttausenden Flüchtlingen gehen wird, die in Zelten verstreut über die ganze Stadt hausen. Taliban hin oder her – hier müssen wir helfen!

Von Anfang an ein Abenteuer
Im separaten Hörsaal: In Afghanistan dürfen Männer und Frauen künftig nur noch getrennt studieren, kündigte der neue Taliban-Minister für höhere Bildung, Abdul Baki Hakkani, vergangenen Sonntag an. Außerdem bestehe für Frauen die Pflicht, «Hidschab» zu tragen. «Wir werden keine gemischte Erziehung erlauben», sagte er.
Unterwegs in Afghanistan:MDR-Journalist Markus Spieker am 15. September im Salwar Kamiz, einer traditionellen Kleidung in Südasien.
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