Personalnot zeichnet sich ab
Theologie: Studium im Abwärtstrend

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Der Pfarrberuf verliert: Immer weniger Menschen können sich vorstellen, in einer evangelischen Pfarrei oder Kirchengemeinde zu arbeiten. An den theologischen Fakultäten gehen Anmeldezahlen zurück – mit einer Ausnahme.
Von Wolfgang Thielmann
Die letzte Statistik der katholischen Kirche zeigte alarmierende Ergebnisse: Die Zahl der Priesterweihen fiel von 557 im Jahr 1962 auf 29 im Jahr 2024; die der neu aufgenommenen Priesteramtskandidaten auf 47 angehende Diözesanpriester und keinen angehenden Ordenspriester. Aber auch die evangelische Kirche und die 19 Evangelisch-theologischen Fakultäten oder Fachbereiche an staatlichen Hochschulen sowie die drei kirchlichen Hochschulen sind von Rückgängen geprägt.
Nach Angaben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) liegt die Zahl der Theologiestudierenden mit Ziel des Pfarramtes bei rund 4500. In den letzten fünf Jahren verminderte sie sich um 20 Prozent. Seit den Boomzeiten Mitte der Achtzigerjahre sind die Zahlen um 80 Prozent zurückgegangen, die der Studienanfänger sogar um knapp 90 Prozent, sagen die Daten des Statistischen Bundesamtes. Die Zahl der Studienanfänger der evangelischen Theologie im ersten Fachsemester lag im Sommersemester 2024 bei 249. Einen universitären Abschluss erstrebten davon 189 Personen.
Die Zahlen kündigen einen Personalnotstand für die Gemeinden an: Geburtenstarke Jahrgänge treten in den Ruhestand. Der Altersaufbau der Pfarrerschaft zeigt eine ausgeprägte Pilzform: Die mit Abstand größten Gruppen liegen oberhalb von 58 Jahren. Zugleich wappnen sich beide großen Kirchen für drastisch sinkende Einnahmen: Sie legen Gemeinden zusammen und verringern die Zahl der Pfarrstellen. Doch wahrscheinlich werden die Kirchen auch die deutlich weniger werdenden Stellen nicht besetzen können.
"Transformationsprozesse in Kirche und Gesellschaft"
Woran liegt der Rückgang? Der Evangelische Fakultätentag, die hochschulpolitische Vertretung der Fakultäten und Fachbereiche, hält sich zurück. Das Thema ist heikel, denn angesichts der geringen Zahlen fürchten die Fakultäten offenbar, unter Druck der sie finanzierenden Länder zu geraten. Der Vorsitzende des Evangelischen Fakultätentags, Malte Krüger aus Marburg, gibt keine Stellungnahme ab und verweist auf die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).
Neue Zahlen sucht man auf deren Homepage vergebens. Die Statistiken über den Pfarrdienst und Studierende, die sich bei ihren Kirchen in Listen eintragen lassen, enden 2018. Oberkirchenrätin Sara Haen, die bei der EKD für Hochschulen und kirchliche Ausbildungen zuständig ist, verweist auf die Frage nach den Ursachen des Schwundes auf "Transformationsprozesse in Kirche und Gesellschaft". Die Situation in der Ausbildung spiegele die Lage der geisteswissenschaftlichen Fächer in Deutschland wider.
Der Schwund der Kirchenbindung schwächt auch das Interesse am Theologiestudium.Tatsächlich ging die Zahl der Erstsemester in allen Geisteswissenschaften ebenfalls zurück, um 22 Prozent in den vergangenen 20 Jahren. Die Gesamtzahl der Studierenden dagegen stieg. Doch daran gemessen verliert die Theologie noch stärker. Schon vor zwei Jahren machte der Studiendekan der größten evangelisch theologischen Fakultät in Tübingen, Gerald Kretzschmar, auf einen Zusammenhang mit den ebenfalls zurückgehenden Konfirmationen aufmerksam. Der Schwund der Kirchenbindung schwäche auch das Interesse am Theologiestudium.
Doch im Verhältnis zum Desinteresse an den Kirchen könne man froh sein, dass überhaupt noch Studierende kämen. Kretzschmar brachte eine Entkoppelung des Studiums von den Kirchen ins Gespräch. In Tübingen bietet die evangelische Fakultät etwa den Studiengang "Interfaith studies" an. Der verfolgt das Ziel, dass Studierende "interreligiöse Zusammenhänge in Gesellschaft und Kultur verstehen und gestalten können." Zudem beherbergt die Universität ein "Center for Religion, Culture and Society". Dort arbeiten die theologischen und religiösen Fakultäten zusammen.
Junge Leute wollen nicht weg von zuhause
Oberkirchenrätin Haen fügt hinzu, in den evangelischen Landeskirchen wachse die "Bereitschaft zur Veränderung hin zu inter- und multiprofessionellen Teams in den Gemeinden". Das bedeutet: Bei weniger Theologen sollen auch anders qualifizierte hauptamtliche Fachleute an der Leitung von Gemeinden beteiligt sein. In mehreren evangelischen Landeskirchen arbeiten schon Gemeindemanagerinnen, die Kulturwissenschaft oder andere Fächer studiert haben.
Zudem, so Haen, arbeiteten die Aus- und Weiterbildungsstelle der Kirchen an der "theologischen Sprachfähigkeit in Bezug auf gesamtgesellschaftliche Fragen". So soll etwa die Kirchliche Hochschule in Wuppertal zu einem theologischen Bildungscampus umgebaut werden. Auch mit dem Ziel, den Zuschuss der beteiligten Kirchen deutlich zu senken. Die Kirchen müssen sparen.
In den evangelischen Freikirchen verläuft die Entwicklung ähnlich. Mehrere der neun freikirchlichen Hochschulen verzeichneten zuletzt wieder ein leichtes Plus, darunter die der mitgliederstärksten Freikirche, des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, in Elstal bei Berlin mit insgesamt 62 Studierenden, darunter 28 im Masterstudiengang, der oft ins Pastorenamt führt. Rektorin Andrea Klimt macht die Folgen der Corona-Pandemie für den Schwund der vergangenen Jahre mit verantwortlich. Auch wollten junge Leute heute nicht mehr weit von zuhause weggehen.
Wegen der konservativen Ausrichtung gebe es auch kaum Kontakt der evangelikalen Hochschulen zu den Landeskirchen. Stellen in einer Landeskirche seien für die Absolventen "eher weniger interessant".
Die Hochschule ist vom Deutschen Wissenschaftsrat akkreditiert und damit staatlichen Universitäten und kirchlichen Hochschulen gleichgestellt. Früher dienten freikirchliche Hochschulen vor allem der Ausbildung des eigenen Nachwuchses. Durch die Akkreditierung können sie ihre Zielgruppen erweitern. Doch noch sind Wechsel ins Pfarramt einer Landeskirche Einzelfälle.
Das Ausbildungskonzept in Elstal umfasst neben einem Bachelor- und einem Masterstudiengang Evangelische Theologie einen weiteren Master in Diakonie und Sozialtheologie. Alle Angebote sind auch in Teilzeit studierbar. Das komme Menschen entgegen, die zum Beispiel schon eine Teilanstellung in einer Gemeinde hätten, sagt Klimt. Die freikirchlichen Hochschulen werden von ihren Kirchen finanziert. Deshalb leiden sie mit unter dem wirtschaftlichen Druck, der auf den Kirchen lastet. Die Hochschule in Elstal soll zusammen mit ihrer Kirchenleitung bis 2035 ein Konzept für eine gemeinsame Hochschule mehrerer Freikirchen vorlegen.
Sie bekennen die "Unfehlbarkeit der ganzen Heiligen Schrift"
Zum Protestantismus gehören auch evangelikal geprägte, zum Teil freie Hochschulen und Seminare. Diese sammeln sich in zwei Dachverbänden, der Konferenz Missionarischer Ausbildungsstätten und der Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten. Zur ersten Gruppe gehören die Hochschule des CVJM in Kassel und mehrere Hochschulen der Landeskirchlichen Gemeinschaften, zur zweiten die Freie Theologische Hochschule in Gießen (FTH) sowie Seminare und Bibelschulen in Deutschland und der Schweiz.
Sie bekennen die "göttliche Inspiration und Unfehlbarkeit der ganzen Heiligen Schrift". FTH-Rektor Stephan Holthaus ist auch Vorsitzender der Gruppe. An der Gießener Hochschule, die ebenfalls akkreditiert ist, studieren 224 Personen, so viel wie noch nie in ihrer Geschichte, darunter 62 Studienanfänger und 37 im Masterstudiengang. Ein Online-Studium wird aus Überzeugung nicht angeboten.
Wegen der konservativen Ausrichtung gebe es auch kaum Kontakt zu den Landeskirchen, sagt Holthaus. Stellen in einer Landeskirche seien für die Absolventen "eher weniger interessant". Finanzielle Sicherheit spiele keine große Rolle. Lieber suchten sie sich eine Stelle in einer Freikirche, einer der in den letzten Jahren verstärkt aufkommenden unabhängigen Gemeinden oder in einer freien Organisation mit vollen Gottesdiensten und hoch verbundenen Mitgliedern. Dort seien so viele Stellen offen, dass sich die Absolventen ihren künftigen Arbeitsplatz aussuchen könnten.
(KNA)
Autor:Online-Redaktion |
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