Wittenberger "Judensau"
Theologe gegen Abnahme der Schmähplastik

Berlin (kna) - In der Debatte über den Umgang mit der Schmähplastik "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche hat sich der Leipziger Theologe Alexander Deeg gegen eine Abnahme des Reliefs ausgesprochen. Wenn es in ein Museum gebracht würde, wäre das zu wenig, sagte Deeg am Dienstag zum Abschluss einer Tagung zum Umgang mit antisemitischen Bildern an und in Kirchen. "Der Riss muss sichtbar bleiben" - aber nicht in einer "verletzenden Dimension".

Deeg schlug vor, "Leerstellen" zu schaffen: So sei es denkbar, eine Tafel beziehungsweise eine farbig gestaltete Fläche vor das Relief an der Fassade der Kirche anzubringen. Dahinter bliebe die "Judensau" vollständig erhalten und könne bei bestimmten Gelegenheiten auch gezeigt werden. Die Tafel signalisiere der Öffentlichkeit, dass an dem Platz etwas nicht passe. Auf diese Weise könnten Fragen und Überlegungen aufseiten der Betrachter entstehen.

Auch an anderen Kirchen gibt es antisemitische Darstellungen. Am Sonntag hatte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, zum Auftakt der Tagung gesagt, er wünsche sich, dass noch mehr davon als solche auch gekennzeichnet würden und über die dazugehörige Geschichte aufgeklärt werde. "Ein Benennen und Offenlegen judenfeindlicher Motive ist wichtig, um den Blick auch für die allgegenwärtigen Formen von Antisemitismus zu schärfen."

Die Skulpturen von den Kirchen schlicht zu entfernen, greife zu kurz, "denn antijüdische Geschichte lässt sich nicht ungeschehen machen, indem man die steinernen Reliefs abschlägt und glättet". Schuster betonte: "Eine Entfernung solcher Skulpturen würde die Phänomene von Antisemitismus, die weiterbestehen, verkennen."

Das Wittenberger Relief hatte bereits die Justiz beschäftigt. 2020 wies das Oberlandesgericht Naumburg die Berufungsklage eines Juden zurück, der eine Abnahme der mittelalterlichen Darstellung gefordert hatte. Die Schmähplastik beleidige Juden antisemitisch. Der Kläger kündigte an, nach dieser Entscheidung vor den Bundesgerichtshof zu ziehen.

Auf dem Relief in etwa vier Metern Höhe an der Predigtkirche des Reformators Martin Luther (1483-1546) ist ein Rabbiner zu sehen, der den Schwanz eines Schweins anhebt und ihm in den After sieht. Zwei weitere Juden saugen an den Zitzen des Tiers. Das Schwein gilt den Juden als unrein. In Wittenberg erinnern seit 1988 ein Mahnmal und eine Informationstafel an den historischen Kontext, in dem die Schmähplastik entstand.

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Online-Redaktion

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