Nachgefragt
"Pazifistische Haltungen haben sich stark relativiert"
- Peter Herrfurth
- Foto: Paul-Philipp Braun
- hochgeladen von Online-Redaktion
Unter dem Motto „Schwerter zu Seifenblasen“ wird vom 12. bis 15. Januar zur Ökumenischen Fachkonferenz Jugendarbeit nach Bad Blankenburg eingeladen. Diskutiert werden Perspektiven auf die christliche Friedensethik und gewaltfreie Konfliktlösungen. Warum man mit Jugendlichen auch beim Paintball über Krieg und Frieden sprechen kann, fragte Beatrix Heinrichs den EKM-Landesjugendpfarrer Peter Herrfurth.
Der "Generation Z" eilt der Ruf voraus, nicht allzu politisch zu sein. Die Debatte um die Wiedereinführung des Wehrdiensts bewegt viele junge Menschen – und hat sie mobilisiert. Wie erklären Sie sich das?
Peter Herrfurth: Für viele Jugendliche stehen Gerechtigkeit, Vielfalt und mentale Gesundheit weit oben auf der Agenda. Sie zeigen Haltung beim CSD oder bei den Protesten in Gießen. Dort sind dann auch rechtsextreme Jugendliche. Also die Jugend ist politischer als behauptet wird. Zum Wehrdienst fragen sie: „Ist das gerecht, dass ich mit Leib und Leben dafür eintreten soll, was in der Welt schiefläuft? Ich werde da hineingezogen. Aber das Deutschlandticket wird teurer und die Bildungschancen auch nicht besser.“ Bemerkenswert finde ich die höhere Bereitschaft im Osten, zur Armee zu gehen. Vielleicht wegen der Entwicklungsmöglichkeiten und als sinnstiftende Aufgabe. Außerdem erspart der Wehrdienst erstmal eine berufliche Entscheidung.
Wehrdienst und Christsein – für viele aus der friedensbewegten Eltern- und Großelterngeneration passte das nicht zusammen. Sieht das die Jugend heute auch so?
Pazifistische Haltungen haben sich stark relativiert. Denn Terror und Krieg sind uns nah auf die Pelle gerückt. Für Menschen mit Ostbiografie kommt hinzu, dass Wehrdienstverweigerung damals oft auch eine Ablehnung des DDR-Systems gewesen ist. Heute steht die Verteidigung der eigenen Freiheit im Fokus. Das Gebot „Du sollst nicht töten“ ist da weniger relevant.
Im Konferenzmotto werden die Pflugscharen aus dem Bibelwort zu Seifenblasen. Wie lassen sich die Positionen der Friedensethik heute "ans Kind" bringen?
Die Kirche gibt da keine klare Orientierung. Die Friedensdenkschrift ist eher eine Wehrdenkschrift. Wir müssen Jugendliche dabei unterstützen, ihre eigene Haltung zu finden – in Verbindung mit dem Glauben. Und wir müssen ihnen zur Seite stehen, wenn sie den Wehrdienst verweigern wollen.
Zur Konferenz bieten Sie auch Workshops an. Lässt sich gewaltfreie Kommunikation beim Paintball besser verstehen?
Der Workshop heißt: Paintball – Darf man das? Es ist die Diskussion, ob im Spiel der Ernstfall eingeübt wird – oder ob ich mich austobe, und darum niemals auf jemanden schießen werde. Aber vielleicht können wir nach einer Runde Paintball besser über Kampf und Fairness sprechen. Was mich beschäftigt, sind die sich verwischenden Grenzen. Wie beim echten Drohnenkrieg vom sicheren Bürostuhl aus. Darf ich das als Christ eigentlich?
Was ist Ihre Haltung dazu?
In meinem Regal liegt die Taschenuhr meines Opas. Sie kam aus Stalingrad zurück, mein Opa blieb dort. Ich habe ihn nie kennengelernt. Das und mein Elternhaus haben meine pazifistische Haltung stark beeinflusst. Ebenso der Militarismus meiner Kindheit. Als ich in der DDR als Bausoldat gemustert wurde, erklärte mir der Musterungsoffizier: Wir werden Sie einberufen, wenn Sie verheiratet sind und Kinder haben. Dann, wenn es am meisten wehtut. Da kam dann aber die Wende dazwischen.
Autor:Beatrix Heinrichs |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.