Nachgefragt
Online-Proben können die Gemeinschaft nicht ersetzen

Bundespräsident a. D. Christian Wulff, Präsident des Deutschen Chorverbandes
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  • Foto: Laurence Chaperon
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In Deutschland singen und musizieren rund 14 Millionen Menschen in einem Chor. In Corona-Zeiten fällt das aufgrund eines möglichen Infektionsrisikos vorerst aus. Altbundespräsident Christian Wulff hofft, dass bald wieder wie gewohnt geprobt werden kann, wie er im Gespräch mit Karen Miether und Björn Schlüter erklärt.

Herr Wulff, wenige wissen vermutlich, dass Sie Präsident des Deutschen Chorverbandes sind. Was verbindet Sie mit dem Singen?
Christian Wulff:
Für mich bedeutet Singen Zusammenhalt, Integration verschiedener Menschen und Begeisterung am gemeinsamen Tun. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, in diesem Jahr Anfang Mai beim Deutschen Chorfest in Leipzig mit vielen tausend Menschen auf dem Leipziger Marktplatz zu singen. Leider mussten wir das Chorfest wegen der Corona-Pandemie absagen.

Ist absehbar, wann Chöre wieder proben oder gar auftreten können?

Wir alle hoffen inständig, dass es bald wieder bundesweit möglich sein wird. Aber ich sehe auch bei den Chören, dass sie in großartiger Weise Verantwortung für alle übernehmen und nicht überstürzt handeln. Wir arbeiten als Deutscher Chorverband intensiv an einem Hygienekonzept, das in modifizierter Form als Basis für die einzelnen Chöre und die Gesundheitsämter dienen kann.

Verschiedene Studien haben bereits das mögliche Infektionsrisiko beim Chorgesang ausgelotet. Was legen die Ergebnisse nahe?
Neueste Studien legen nahe, dass es beim Chorsingen kein spezifisch erhöhtes Risiko gibt. Vorangehende Studien hatten das anders gesehen. Klar ist, dass wir niemanden gefährden wollen. Der Gesundheitsschutz geht vor. Gleichzeitig sind Sänger in der aktuellen Krise besser gerüstet als viele andere, weil das Singen die Lungenfunktion und die Resilienz stärkt. Singen hat eine erhebliche präventive Funktion! Sänger leben durchschnittlich länger, weil gesünder, sind weniger einsam und deshalb besser gerüstet.

Welche Alternativen gibt es derzeit?
Singen in Hallen und auf Stadiontribünen, im Freien oder mit Abständen in belüfteten Räumen. Viele treffen sich seit Wochen online in verschiedensten Formaten. Ein Kernproblem bei allen Online-Diensten, das einem gutem Zusammenklang im Wege steht, ist die zeitliche Verzögerung bei der Signalübermittlung.

Im Chor zu singen bietet auch ein Gemeinschaftserlebnis. Was geht da nun verloren?

Wer im Chor singt, der ist in Gemeinschaft, der hat eine Heimat. Das alles kann man derzeit nicht in gewohnter Form erleben. Deshalb scheint es mir wichtig, dass man die virtuellen Chortreffen nicht nur nach dem Maßstab beurteilt, ob sie eine Chorprobe ersetzen können oder nicht. Sie können analoge Zusammenkünfte nicht ersetzen, aber vielleicht einiges auffangen.

Drohen Chöre zu sterben?
Das glaube ich nicht. Klar ist: Wir müssen verstehen, dass kulturelle und soziale Infrastruktur in Deutschland insgesamt in Gefahr ist. Wir erleben, dass die Bereitschaft schwindet, sich langfristig zu engagieren. Das wird natürlich nun noch verstärkt, weil eben keine wirklichen Chorproben stattfinden und perspektivisch viele Menschen auch finanziell stärker gefordert sein werden.

Wie ist die finanzielle Situation von Chorleitern?
Viele sind finanziell am Limit. Es war ja schon vor der Corona-Krise nicht so, dass man als Freiberufler im Kulturbereich finanziell auf Rosen gebettet war.

Was ist nötig, um ihre Lage zu verbessern?

Wichtig ist, den Kulturschaffenden kurzfristig zu helfen. Wer möchte, dass der Chorleiter dem Chor erhalten bleibt, sollte eventuell bereit sein, gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Chores ihr oder ihm über eine Durststrecke zu helfen. Wer mit einem Vereinsaustritt liebäugelt, sollte sich klarmachen, dass dies derzeit einem Verein den Todesstoß versetzen könnte.(epd)

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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