Bistumswallfahrt am Wahltag
Mehrere Tausend pilgern zur Huysburg
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Das über tausend Jahre alte Kloster Huysburg liegt auf dem Huy, einem bewaldeten Höhenrücken nördlich des Harzes, nahe Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Die imposante Anlage zieht Pilger und Touristen weit über die Region hinaus an. An diesem Sonntag sind mehrere Tausend Menschen auf die Huysburg gekommen - zur traditionellen Wallfahrt des katholischen Bistums Magdeburg. Sie fällt dieses Mal zufällig mit dem Tag der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zusammen.
Von Karin Wollschläger
Dingelstedt (KNA) Mit Spannung und Sorge wird der Ausgang sogar international beobachtet. Der Himmel über der Huysburg ist an diesem Vormittag strahlend blau - aber viele Anwesende hoffen, manche beten vielleicht auch, dass an diesem Tag nicht das Land "blau" wird. Blau ist die Farbe der AfD, die in Sachsen-Anhalt gesichert rechtsextrem ist und in den Umfragen zuletzt stabil bei 41 Prozent lag.
"Schicksalstag"
Wird die AfD genügend Stimmen für eine Alleinregierung bekommen? Diese bange Frage bestimmt die Gespräche. Bischof Gerhard Feige spricht zum Auftakt des Wallfahrtsgottesdienstes von einem "Schicksalstag". Um dann zu betonen: "Man könnte wie das Kaninchen auf die Schlange starren. Aber dazu sind wir nicht hier!" Die Christen könnten auf Gott, auf den Heiligen Geist vertrauen: "Er führt uns durch die Zeit - egal, was kommen mag."
Unermüdlich hat der Magdeburger Bischof zuletzt vor dem völkischen Nationalismus der AfD gewarnt, hat gezeigt, wie die Partei die Menschenwürde mit Füßen trete und welche "verheerenden Folgen" eine AfD-Regierung hätte.
Täglich gab der 74-Jährige in den vergangenen Wochen Interviews. Er war nicht zuletzt deshalb ein so gefragter Gesprächspartner, weil er klar und unerschrocken Haltung zeigte. Bei der Wallfahrt sagt eine Dame mit schlohweißem Haar anerkennend: "Er hat sich mächtig ins Zeug gelegt." Eine junge Frau ergänzt: "Dass er so klar ist. So klar für Menschenwürde und Demokratie eintritt - das macht Mut!"
Widerstand gegen "nationalistischen Ungeist"
Bei der Wallfahrt ruft Feige noch einmal zum Einsatz gegen Extremismus und eine "zunehmende Verwahrlosung des menschlichen Miteinanders" auf: "Gegenwärtig heißt das wohl in besonderer Weise, dem nationalistischen und fremdenfeindlichen Ungeist zu widerstehen." Viele Entwicklungen hätte er nicht für möglich gehalten, vieles macht auch ihm Angst: "Was für apokalyptische und rassistische Vorstellungen haben sich doch in den Köpfen vieler festgesetzt! Nächstenliebe wird zum Unwort und Menschenfeindlichkeit gesellschaftsfähig."
Feige warnt vor der "Agitation und Propaganda" jener politischen Kräfte, "die Zwietracht säen, Misstrauen und Ängste schüren, drastisch bisherige Rechte und Freiheiten einschränken wollen und zugleich in messianischer Selbstüberhebung paradiesische Zustände verheißen".
"Bewusst wählen" - über den Wahltag hinaus
Zugleich dankt der Bischof allen, die sich für Menschenwürde, Nächstenliebe, Solidarität, Dialog sowie ein tolerantes und weltoffenes Miteinander einsetzen. Er wirbt für eine von Empathie, Respekt, Glauben, Liebe und Hoffnung geprägte Haltung. Die vom Bistum Magdeburg zur Landtagswahl angestoßene Initiative "Bewusst wählen!" markiere eine anhaltende Herausforderung, die jeden Tag und an jedem Ort gelte. Eine 29-jährige Lehrerin lächelt: "Es tut gut, heute nicht allein zu sein."
Die Wallfahrt steht unter dem Leitwort: "Du sollst ein Segen sein." Das zu leben, sei schon bislang nicht unbedingt einfach, sagt der Bischof. "Nunmehr aber ist es unter verschärfteren Bedingungen eine noch größere Herausforderung für uns alle." Diese Haltung sei jedoch die allein überzeugende und heilsame Alternative in den Auseinandersetzungen der Zeit.
Trotz Anfeindungen Haltung zeigen
Feige sagt, christliches Handeln bedeute, nicht die eigenen Interessen zum Maßstab zu machen, sondern Leid und Unrecht wahrzunehmen und Betroffenen beizustehen. Andere nicht herabzuwürdigen und auszugrenzen, keine leeren Versprechungen zu machen und auch angesichts von Anfeindungen Haltung zu zeigen.
Auf dem Klostergelände sind zur Wallfahrt zahlreiche bunte Infostände von katholischen Verbänden und Initiativen aufgebaut. Eine Holocaust-Zeitzeugin berichtet aus ihrem Leben. Auch Pfarrer Magnus Koschig aus Halle ist da. Im Gespräch sagte er: "Es wäre beängstigend, wenn die AfD an die Macht käme. Ich will nicht von einer Partei regiert werden, die entscheidet, wer würdig ist und wer nicht. Eine Partei, die den Kirchen das Christliche abspricht. Da wird mir grottig schlecht."
Extrem kirchenfeindliches Programm
Tatsächlich ist das AfD-Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt extrem kirchenfeindlich: Finanzen sollen teils drastisch gekürzt und das Kirchenasyl abgeschafft werden. Zudem will die Partei den kulturellen Bereich quasi einer Gesinnungsprüfung unterziehen. Kunst und Kultur, die in den Augen der AfD "antideutsch" sind, soll die Förderung gestrichen werden. Auch Eingriffe in den Schulbereich sind geplant, Inklusion wird eine Absage erteilt. Nicht zuletzt fordert die AfD in Sachsen-Anhalt eine migrationspolitische 180-Grad-Kehrwende und spricht offen von "Remigration".
All das führte im Vorfeld der Landtagswahl dazu, dass sich auch bundesweit hochrangige Kirchenvertreter immer wieder mahnend und warnend zu Wort meldeten. Bereits 2024 hatten die katholischen Bischöfe eine Erklärung verabschiedet, in der sie die Unvereinbarkeit von Christentum und völkischem Nationalismus festschrieben und deutlich machten: Die AfD ist für Christen nicht wählbar.
AfD-Anhänger bekennen sich offener
Zugleich zeigte sich bei den vergangenen Wahlen, dass Christen nicht unbedingt so viel seltener die AfD wählen als der Rest der Bevölkerung. Auf der Huysburg berichtet ein Motorradwallfahrer, dass in seinem Umfeld plötzlich immer mehr Menschen AfD-Inhalte posteten: "Das erstaunt mich. Sie bekennen sich viel offensiver als früher. Vielleicht, weil es inzwischen so viele sind."
Bischöfe und Pfarrer berichten indes, dass sich kaum ein Katholik oder eine Katholikin ihnen gegenüber tatsächlich als AfD-Wähler zu erkennen gebe. Das macht es schwer, ins Gespräch zu kommen - was durchaus ein erklärtes Ziel ist. Vor einigen Tagen hatte der Berliner Erzbischof Heiner Koch im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) nochmals dazu ermuntert: "Die Menschen müssen spüren, dass sie in der Kirche über solche Themen sprechen können und dass wir diese Themen sehr ernstnehmen." Zugleich müsse die Kirche Haltung zeigen, auch wenn sich AfD-Wähler von ihr abwendeten: "Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen."
Kraftvolle Minderheit
Zur Wallfahrt sind auch mehrere Bischöfe aus Litauen, Tschechien, Polen und Frankreich gekommen. Ebenso der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz, der die Kirchenprovinz leitet, zu der Magdeburg gehört. Er sagt: "Als Kirche sind wir deshalb so präsent bei dem Thema, weil wir uns als ein Segen für alle verstehen und dafür einsetzen." Auf der Huysburg sei noch mal deutlich geworden, wie kraftvoll die Kirche auch als Minderheit wirken könne." In Sachsen-Anhalt sind nur knapp 14 Prozent der Bevölkerung Christen.
Der evangelische Landesbischof Friedrich Kramer kam ebenfalls zur Wallfahrt. Auch er hat in den vergangenen Monaten immer wieder klar Stellung gegen die AfD bezogen, hat mit "Herz statt Hetze" geworben. Am Wahltag zeigt er sich zuversichtlich: "Ich bin frohen Mutes und habe das Gespür, dass die AfD keine Mehrheit bekommt." Am Abend ist er nach der Tagesschau im ARD-Brennpunkt zum Wahlausgang zu Gast.
Nicht verrückt machen
Bischof Feige hat bereits Briefwahl gemacht. Den Abend will er zu Hause verbringen und dann überlegen, was er zu dem Ergebnis sagt: "Ich lasse mich nicht verrückt machen."
Autor:Online-Redaktion |
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