Ach Gott, vom Himmel sieh darein ...
Gedanken zur Wahl - ein Pamphlet

Ach Gott, vom Himmel sieh darein / und lass dich des erbarmen … (EG 273) Ach Gott! Wo warst du denn gestern, als in Sachsen-Anhalt gewählt wurde? Einen einzigen Augenblick nicht hingeschaut, einen einzigen Augenblick die Augen geschlossen, und schon haben die grummeligen Nornen dir das Strickzeug des Schicksals aus der Hand genommen - und gegen ihre taumelnden Spindeln ausgetauscht. Nun sitzen sie irgendwo hinter Magdeburg und klöppeln aus dem sogenannten Wählerwillen ein Muster, das kein Gutmensch bestellt haben kann - und das nun trotzdem über der Schrankwand aufgehängt werden muss, weil es eben fertiggeklöppelt worden ist.

Allen Menschen mit Haltung zum Ärgernis, allen Herz-statt-Hetze-Plakaten zum Trotz, allen Bannerkampagnen an Kirchtürmen, Demokratiefesten, Haltungskundgebungen und den ungezählten Veranstaltungen zur Rettung „Unserer Demokratie” zum Hohne hat sich ein Großteil des Volx erdreistet, nicht so zu wählen, wie man ihm doch erklärt hat, dass ein anständiges Volk zu wählen habe. Man hat ihm gesagt: hier entlang! Und das Volk ist dort entlang gegangen. Man hat ihm gesagt: dieses Kreuz! Und es hat ein anderes gemacht. Das ist das Unangenehme am Wahlrecht, dass die Leute es tatsächlich benutzen.

Und wie stehen wir nun da?

Die Blauen stehen da, die Schwarzen stehen da, die Roten stehen da, die „Noch-Anders-Roten” stehen da, und sogar die Grünen sind, wie Lazarus aus dem Grabe, wieder auferstanden, wobei man versucht ist, mit Martha zu rufen: „Herr, es riecht schon”. Und zwischen all diesen Wiederauferstandenen, Halbtoten, Totgesagten und politisch Unsterblichen steht das Bündnis Sahra Wagenknecht (ohne Sahra Wagenknecht). Eine kleine Schar von Leuten, von denen bis vorgestern kaum jemand wusste, wie sie heißen, und von denen nun möglicherweise abhängt, wer demnächst durch den Vordereingang der Magdeburger Staatskanzlei gehen darf.

So wird Demokratie plötzlich wieder interessant, was für die Demokratie hin und wieder fast wie eine Katastrophe aussieht. Denn jetzt beginnt das große Zerren.

Man wird am BSW ziehen und zupfen und locken und drohen, man wird ihm die politische Bettkante schmackhaft machen wollen und ihm erklären, auf welcher Seite des Bettes die Guten schlafen und auf welcher die Bösen, und die fünf Wagenknechte werden sich entscheiden müssen, ob sie sich von den bunten Vielen oder von den vielen Blauen unter die Koalitionsdecke zwingen lassen oder lieber trotzig vor dem Bett stehen bleiben und erklären, dass sie mit überhaupt niemandem schlafen gehen wollen, was bekanntlich in der Politik diejenige Erklärung ist, die gewöhnlich kurz vor dem Zubettgehen abgegeben wird.

Besonders gespannt aber wird man auf die Kirchen sein. Die bischöflichen Lenker der verschiedensten Denominationen - angefangen bei den verschwindenden Restminderheiten zu Dessau bis hin zu den Leuten von Rom werden nun erst einmal das tun, was Kirchenleitungen in solchen Augenblicken am besten tun. Warten. Sie werden prüfen, beraten, abwägen, einordnen, differenzieren und noch einmal prüfen, was bereits geprüft worden ist. Gut so, liebe Schwestern und Brüder. Eilige Hast ist vom Teufel.

Dann muss aber doch auch gratuliert werden? Aber wie ... Es wird eher ein moderater Glückwunsch sein, der sich gleichzeitig wie eine Abmahnung lesen lassen muss. Man wird Gottes Segen wünschen und im nächsten Halbsatz erklären, wofür dieser Segen verwendet werden darf. Man wird gratulieren und ermahnen, beglückwünschen und warnen, anerkennen und sich distanzieren, und über dem ganzen Brief wird unübersehbar jener riesige kirchliche Zeigefinger schweben, der inzwischen größer geworden ist als die Gemeinden, auf deren Sache er angeblich hinweist.

Weil wirklich nichts anderes mehr übrig bleibt, wird man murrend einräumen müssen, dass das Volk es eben war, das da entschieden hat. Das Volk! Dieses unzuverlässigste aller demokratischen Organe. Denn selbstverständlich hat das Volk entschieden, aber selbstverständlich hat es wieder falsch entschieden, ganz falsch, ganz, ganz falsch. Das ist ja seit einiger Zeit das eigentliche Wunder unserer Demokratie: Das Volk ist ihr Souverän, solange es so entscheidet, wie die Verteidiger des Souveräns es vorgesehen haben. Entscheidet es anders, muss der Souverän dringend über die Gefahren für unsere Demokratie aufgeklärt werden. Vielleicht aber überraschen die Kirchen? Das wäre!

Vielleicht sagen sie einfach einmal gar nicht so viel. Denn man sollte nun vorsichtig diplomatisch werden und diese Zusatztugend neu entdecken wollen, nachdem man so lange unvorsichtige Töne zumindest geduldet hat … Die Brandmauern wird man neu vermessen lassen müssen, Fluchttüren hinein schneiden - und anschließend wieder sagen, dass es gar keine Türen sind. Rote Linien werden gezogen und verschoben und schließlich so lange nachgezeichnet, bis daraus kleine Wegweiser geworden sind.

Mitten im Getümmel befindet sich aber Sven Schulze. Beten wir für ihn und die Seinen. Er muss als tragische Hauptfigur des sachsen-anhaltinischen „Zettelspiels” das Zepter noch lange halten, dieses plötzlich ungeheuer schwer gewordene Zepter. Er wird das Zepter von der linken in die rechte Hand und von der rechten wieder in die linke nehmen, weil keine Hand mehr weiß, wie lange sie es halten soll, während die anderen geschäftig verhindern, dass es überhaupt weitergereicht werden kann. Und dieser Zustand der „schwebenden Schwere“ kann dauern. Sehr lange dauern.

Eines fernen Tages jedoch wird das Zepter dann doch weitergereicht werden (müssen). An wen, weiß niemand. Vielleicht an jemanden, der heute noch schwört, dass er es niemals nehmen werde. Unterstützt von Stimmen, die heute noch nicht vernehmbar sind. Vielleicht aufgrund einer Konstruktion, die jetzt noch als vollkommen undenkbar bezeichnet wird, denn das vollkommen Undenkbare ist in der Politik bekanntlich nur dasjenige, für das die Pressemitteilungen noch nicht geschrieben wurden. Bis es soweit ist, kann man inzwischen das oben bereits zitierte herbe Luther-Lied anstimmen:

„Ach Gott, vom Himmel sieh darein / und lass dich des erbarmen! / Wie wenig sind der Heilgen dein, / verlassen sind wir Armen. / Dein Wort man lässt nicht haben wahr, / der Glaub ist auch verloschen gar / bei allen Menschenkindern.”

Autor:

Matthias Schollmeyer

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