Leben mit Behinderung
Clara zieht aus

So viel Normalität wie möglich: Die 20-jährige Clara Akkermann ist schwerstbehindert. Weil ihre Eltern möchten, dass sie gleichsam teilhat am Alltag, wird Clara bald in einer integrativen Pflege-WG leben.
  • So viel Normalität wie möglich: Die 20-jährige Clara Akkermann ist schwerstbehindert. Weil ihre Eltern möchten, dass sie gleichsam teilhat am Alltag, wird Clara bald in einer integrativen Pflege-WG leben.
  • Foto: Foto: epd-bild/Jens Schulze
  • hochgeladen von Beatrix Heinrichs

Clara ist schwerstbehindert, ihre Lebenszeit durch eine Krankheit begrenzt. Ihre Eltern haben sie 20 Jahre lang umsorgt. Bald wird sie ausziehen, in eine bundesweit einmalige Pflege-WG.

Von Martina Schwager

Fest angeschnallt sitzt Clara Akkermann in ihrem Spezialrollstuhl, die wachen Augen streunen umher. Die zierliche 20-Jährige näht heute Schlüsselbänder – in Corona-Zeiten zu Hause in Neustadt am Rübenberge statt in ihrer Schule. Clara ist körperlich und geistig schwerstbehindert.
Über einen Schaltknopf steuert sie den Strom für die Nähmaschine. Krankenschwester Lisa Greve-Kramer, die Clara sonst täglich zur Schule begleitet, führt den Stoff. «Du warst schon richtig fleißig, Clara. Das ist toll», sagt ihre Mutter Almut Akkermann (52). Im Sommer endet die Schule für Clara. Bald danach wartet eine neue Herausforderung. Die Akkermanns wollen, dass ihre Tochter, die unter einer lebensverkürzenden Erkrankung der weißen Hirnsubstanz leidet, teilhat am Alltag. Sie verschaffen Clara so viel Normalität wie möglich: Kindergarten, Schule, Familienfeste, Ausflüge, Urlaube – alles macht sie wie ihre beiden Brüder Jaron (17) und Josia (13). Und doch ist alles anders: «Immer muss jemand mit Clara sein, für sie sorgen», sagt Almut Akkermann. Sanft streichelt sie Claras Wange.
Bald wird die 20-Jährige wie andere junge Frauen ausziehen, nach Hannover in eine integrative Pflege-Wohngemeinschaft mit anderen jungen Menschen. «Wir können uns jetzt vorstellen, Clara von anderen betreuen zu lassen», sagt ihr Vater Matthias Akkermann (49). Clara ist erwachsen, die Eltern sind manchmal am Ende ihrer Kräfte.
In ihrem neuen Zuhause wird sie mit drei anderen schwerstbehinderten und lebensverkürzend erkrankten, aber auch mit vier nicht behinderten jungen Menschen leben. Es ist die deutschlandweit erste WG dieser Art, gegründet und geführt vom Kinder- und Jugendhospiz «Löwenherz» in Syke bei Bremen.
Das WG-Haus in Hannover-Anderten wird vier große Pflegezimmer sowie Küche und Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss haben, erklärt Geschäftsführerin Gaby Letzing. Vier Zimmer in der ersten Etage sind für nichtbehinderte Azubis oder Studenten bestimmt: «Sie sollten Interesse am Projekt haben und sich am täglichen Leben beteiligen.» Sie müssen aber nicht bei der Betreuung helfen. Die Pflege, die Versorgung und das Freizeitprogramm werden durch angestellte Fachkräfte rund um die Uhr sichergestellt.
«Dort wird sie viele neue Dinge kennenlernen, die wir ihr gar nicht bieten können. Vielleicht kann sie mit den anderen Bewohnern sogar mal ausgehen», meint Matthias Akkermann. Der Vater weiß nicht, was seine Tochter von ihrer Umwelt aufnimmt. «Aber wenn sie Anregungen bekommt, reagiert sie.»
Etwa 50 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland leben wie Clara mit einer lebensverkürzenden Erkrankung. Viele sind schwerstbehindert, sterben im Kindes- oder Jugendalter. Doch die medizinische Versorgung verbessert sich, immer mehr erreichen das Erwachsenenalter.
Damit wird auch der Bedarf nach speziellen Wohnformen für diese jungen Menschen größer. «Ich wünsche jedem jungen Erwachsenen, dass er Erfahrungen fernab des Elternhauses machen darf», sagt Hubertus Sieler, Familienberater beim Deutschen Kinderhospizverein in Olpe. Auch wenn es Eltern schwer falle, loszulassen, profitierten beide Seiten. Die jungen Menschen erfahren ein Stück Selbstständigkeit und Freiheit, wie Sieler sagt. Die Eltern kämen aus der Rolle als Pflegende heraus.
Doch solche individuellen Wohnangebote jenseits der Gemeinschaftseinrichtungen der Behindertenhilfe sind selten, erklärt Thorsten Hillmann, stellvertretender Abteilungsleiter im Kinderhospizverein. Aus Mangel an Alternativen ergriffen Eltern oft selbst die Initiative. Sie gründeten etwa eine Pflege-WG. Oder sie ermöglichten ihrem Kind das Leben in einer eigenen Wohnung mit persönlicher Assistenz. Das ermögliche den jungen Erwachsenen zwar viel Selbstbestimmung. Viele Eltern seien aber mit der Organisation der Finanzierung zwischen Kranken- und Pflegekassen sowie der staatlichen Eingliederungshilfe überfordert. Auch der Fachkräftemangel in der Pflege sei ein großes Problem.
Diese Mühen möchte «Löwenherz» den Eltern mit der neuen WG abnehmen. In die Planung des Alltags werden sie einbezogen, sagt Gaby Letzing. Denn die Eltern sind die Experten für ihre Kinder, weil diese ihre Bedürfnisse selbst nicht äußern können.
Auch Claras Pflege erfordert viel Einfühlungsvermögen und Know-how. Nachts überwachen die Akkermanns per Monitor den Schlaf ihrer Tochter, weil sie oft krampft. Zum täglichen Pflichtprogramm gehören Duschen, Wickeln, An- und Ausziehen, der Wechsel zwischen Liegen auf einer Kissenlandschaft im Wohnzimmer und Sitzen im Rollstuhl. Jede Mahlzeit braucht viel Geduld, weil Clara schlecht schlucken kann: «Aber sie hat so viel Freude am Essen. Da kommt es darauf an, dass es gut gelingt. Man darf nicht abgelenkt sein», erklärt die Mutter.
In der neuen WG soll das genauso sein. Die Akkermanns vertrauen den Pflege-Profis. Bei mehreren Aufenthalten zusammen mit Clara im Jugendhospiz «Löwenherz» haben die Eltern und die beiden Brüder erfahren, «wie befreiend es sein kann, mal zu viert durch den Wald zu spazieren oder einfach spontan abends ins Kino zu gehen», sagt Matthias Akkermann. Clara wurde währenddessen vom «Löwenherz»-Team betreut.
Spätestens Anfang nächsten Jahres soll alles zum Einzug der ersten Bewohner fertig sein. Bis dahin genießen die Akkermanns die Zeit mit Clara. Josia und Jaron kuscheln mit ihr auf der Liegelandschaft im Wohnzimmer oder nehmen sie mit in den Garten. Im Schatten der Büsche und Bäume schaukeln sie mit ihr sanft auf dem großen Trampolin. Lang ausgestreckt liegt Clara auf warmen Decken. Ihren Kopf haben die Brüder auf ein Kissen gebettet. Claras wache Augen ruhen auf Jarons Gesicht.
(epd)

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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