„Ökumenische Freundeskreis“
Appell an die Verantwortung der Kirchen

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Heino Falcke zählt zu den wichtigsten Fürsprecher für die Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Anlässlich seines 96. Geburtstags kam im Augustinerkloster der „Ökumenische Freundeskreis“ zusammen. Bei dem Treffen verfassten die Mitglieder des Kreises einen "Appell an die öffentliche Verantwortung der Kirchen zum Gaza-Krieg". Wir veröffentlichen den Appell hier im Wortlaut.
"Appell an die öffentliche Verantwortung der Kirchen zum Gaza-Krieg"
Nach dem entsetzlichen, verbrecherischen Massaker vom 7. Oktober war die Absicht der israelischen Regierung, die Hamas für immer zu zerschlagen, sehr verständlich. Es gab freilich von Anfang an Zweifel, ob das gelingen könne, ohne Israel selbst in den Sog eines verbrecherischen Krieges hineinzuziehen. Nach achtzehn Monaten Krieg gegen die Hamas ist das Ergebnis ernüchternd und zutiefst erschütternd. Die Hamas ist zwar geschwächt, aber nicht vernichtet. Mehr als 50.000 Menschen sind Opfer der Bombardements und Kampfhandlungen geworden, darunter besonders viele Frauen und Kinder. Die lebenswichtige Infrastruktur einschließlich Krankenhäusern und Schulen ist weitgehend zerstört.
Ein kurzer Waffenstillstand mit dem Austausch von israelischen Geiseln und palästinensischen Gefangenen ist von Israel einseitig beendet worden. Seither blockiert die israelische Armee die Lieferung von Wasser, Nahrung und medizinischen Hilfsmitteln. Die noch in Gaza lebenden Menschen werden auf einer immer kleineren Fläche zusammen gedrängt. Gleichzeitig nehmen Gewalttaten jüdischer Siedler gegen die palästinensische Bevölkerung im Westjordanland zu, immer öfter mit Unterstützung israelischer Soldaten.
Die Kirchen in Deutschland haben sich bisher trotz mehrfacher Aufrufe von Seiten kirchlicher Partner und zivilgesellschaftlicher Gruppen in Israel und der Region mit Stellungnahmen zurückgehalten. Aufgrund der deutschen Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus und des damals verbreiteten Antisemitismus auch in den Kirchen ist das Verhältnis von Christen und ihren Kirchen in Deutschland zu Israel immer noch belastet. Inzwischen gibt es vielfältige Dialogbeziehungen zwischen Christen und Juden.
Die Bundesrepublik bekennt sich, auch im Rahmen der Europäischen Union, zur Mitverantwortung für die Sicherheit des Staates Israel. Kritische Äußerungen zur Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung werden, unter Missachtung des demokratischen Rechts der Meinungsfreiheit, immer häufiger als Ausdruck von Antisemitismus gebrandmarkt.
Das von den Kirchen mit Nachdruck mitgetragene Bekenntnis zur Bedeutung der Menschenrechte und zur Gültigkeit des humanitären Völkerrechts macht es jedoch inzwischen zu einer Frage der Glaubwürdigkeit, ob und wie sie Stellung nehmen zu den Auswirkungen des israelischen Krieges gegen die Hamas. Dies gilt umso mehr, als es deutliche Hinweise gibt auf die erklärte Absicht der gegenwärtigen israelischen Regierung, die palästinensische Bevölkerung aus Gaza umzusiedeln und möglicherweise auch aus dem Westjordanland zu vertreiben. Dies wäre ein schwerwiegender Verstoß gegen das Völkerrecht im Sinne der Konvention gegen Völkermord.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland forderte vor drei Wochen von der Bundesregierung und deutschen Nichtregierungsorganisationen die Unterstützung des palästinensischen Hilfswerks der Vereinten Nationen einzustellen. Und für Israels Premier Netanjahu ist der Sieg über die Hamas wichtiger als das Leben der noch verbliebenen und lebenden Geiseln in Gaza. Das berichteten verschiedene israelische Zeitungen am 1. Mai 2025. Beide Nachrichten verstärken unsere Besorgnis.
Deshalb bitten wir unsere Kirchen in Deutschland, dass sie sich:
- in Wahrnehmung öffentlicher Verantwortung
- und bei ausdrücklicher Bekräftigung der neu begründeten Beziehungen zum jüdischen Volk öffentlich distanzieren von der Kriegspolitik der gegenwärtigen israelischen Regierung,
- und erklären, dass die beschlossenen oder geplanten Maßnahmen zur vollständigen Zerstörung der Lebensgrundlagen der palästinensischen Bevölkerung in Gaza und zum Ausschluss humanitärer Hilfsorganisationen nicht nur eine schwerwiegende Verletzung von grundlegenden Menschenrechten, sondern einen eklatanten Völkerrechtsbruch darstellen, der sanktioniert werden sollte.
Unterzeichner: Almuth Berger, Dorothee Engelhard, Heino Falcke, Martin Falcke, Joachim Garstecki, Heiko Lietz, Ruth Misselwitz, Hans Misselwitz, Elisabeth Raiser, Konrad Raiser, Gudrun Rein, Gerhard Rein, Alke Seela, Bernd Winkelmann, Andreas Zumach (Erfurt/Berlin, 12. Mai 2025)
Autor:Online-Redaktion |
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