Christlich gut streiten
Die Dialogfalle
- hochgeladen von Beatrix Heinrichs
Erbitterte Debatten können guttun. Es war so nötig wie produktiv, dass über das unsägliche Verhalten vieler Menschen während der NS-Diktatur genauso hart gestritten wurde wie nach 1989 über Stasi-Mitarbeit und SED-Mitläufertum. Die scharfen Diskussionen über Letzteres fanden oft in Kirchen statt. Deshalb fragt sich: Reichen jetzt, da sich so viele Menschen ganz offen zur rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt bekennen, das Zuhören und Ausreden-Lassen noch aus?
Von Matthias Kamann
Diese Frage hat etwas Ungerechtes: Denn Zuhören und Ausreden-Lassen sind die Voraussetzungen jeder Debatte und daher zu pflegen, zu üben. Zudem ist es eine christliche Pflicht, sich anderen Ansichten bis zur Selbstbeschränkung auszusetzen. Im Übrigen kann die Evangelische Akademie in Wittenberg, die mit Formaten des gegenseitigen Zuhörens Vorbildliches leistet, damit zeigen, wie absurd die Einseitigkeits-Vorwürfe der AfD gegen sie sind.
Gleichwohl: Christinnen und Christen werden nicht umhin kommen, sich jetzt auf die Suche nach Diskussionsformaten zu machen, die übers Erzählen und Zuhören hinaus den Streit mit der AfD und ihrer Anhängerschaft ermöglichen. Wenn es dabei zu Polarisierungen kommt – umso besser! Denn wohl fühlt man sich ja nicht in Familien, die nur zusammenhalten, weil kontroverse Debatten vermieden werden.
Sehr zu bezweifeln ist dabei im konkreten Fall, gegenüber der AfD und ihrer Anhängerschaft, ob „Polarisierung“ überhaupt der richtige Begriff ist. Denn er bedeutet ja, dass beide Seiten sich radikalisieren. Stimmt das hier aber? Gewiss, es gibt neben Rechtsradikalen auch Linksradikale, die sich jedem argumentativen Austausch verweigern und unser System zerstören wollen.
Doch diejenigen, die der freiheitlich-demokratischen Rechtsstaatlichkeit verpflichtet sind und sich deshalb in der gegenwärtigen Situation besonders dem fast überhand nehmenden Rechtsradikalismus entgegenstellen, verteidigen die Grundlagen unserer Gesellschaft und brauchen sich deshalb nicht vorwerfen zu lassen, zu einem der Pole zu tendieren. In dieser Lage den Streit zu fordern und zu führen, heißt daher mitnichten, einer unguten Polarisierung Vorschub zu leisten.
Der Autor ist promovierter Germanist und hat als Redakteur der »Welt« und »Welt am Sonntag« jahrelang über kirchliche Themen sowie die AfD berichtet.
Autor:Online-Redaktion |

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