Stedten: Die Via Regia und die Dorfkirche
Matratzenlager auf der Empore

Kerstin Kaufmann: Türöffnerin und gute Seele der Pilgerkirche St. Kilian | Foto: Uta Schäfer
  • Kerstin Kaufmann: Türöffnerin und gute Seele der Pilgerkirche St. Kilian
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„Es geht wieder los“, sagt Reinhold Brandt. „Ich habe das Wasser angestellt, die ersten Pilger haben sich angesagt.“ Nach dem Krippenspiel zu Weihnachten wurde die Kirche winterfest gemacht, aber nun belebt sich alles wieder. Reinhold Brandt hat St. Kilian in Stedten (Kirchenkreis Weimar) immer im Blick, als Nachbar und als Fachmann vom Bau.

Von Uta Schäfer

1990 befand sich das kleine Gotteshaus in ruinösem Zustand, an der vernagelten Brettertür verkündete ein großes Schild: Betreten verboten. „Damals gab es nicht wenige Stimmen, die für Abriss plädierten“, erinnert sich auch Kerstin Kaufmann. Doch als ab 1990 die Sanierung des Rittergutsdorfes Stedten begann, schloss man die 600 Jahre alte Kirche mit ein, zumal es finanzielle Unterstützung von verschiedenen Seiten gab und Ideen, die weiterführten.

Im Dorf leben etwa 160 Einwohner, von denen die wenigsten zur Kirchengemeinde gehören. Außer der Kirche gibt es aber keinen öffentlich zugänglichen Raum. Warum ihn also nicht gemeinsam nutzen, für religiöse und allgemein gesellschaftliche Zwecke? Als Pastorin Brunhilde Stötzner 1996 das Pfarramt Ramsla übernahm, ergab sich noch eine weitere Idee, denn die Initiatoren des Ökumenischen Pilgerweges Via Regia suchten Kontakt zu Gemeinden entlang der 2000 Jahre alten Königsstraße, und genau die führt an St. Kilian vorbei. Was heute an vielen Orten möglich ist, war damals ungewöhnlich: übernachten in der Kirche. Das Vorhaben konnte noch in die Baupläne eingearbeitet werden. 2006 eröffnete die Pilgerkirche Stedten am Ettersberg ganz offiziell.

In der einstigen Glockenstube im Turm befindet sich nun ein Pilgerzimmer mit vier Betten, auf der umlaufenden Empore kann bei Bedarf ein Matratzenlager eingerichtet werden, Sanitärraum und Küche stehen zur Verfügung, im Kirchenschiff lädt ein Tisch mit zwölf Stühlen ein. Für Gottesdienst, Trauerfeier, Konzert, Glühweinfest oder Bastelangebot kann umgeräumt werden. Bei Kerstin Kaufmann laufen die Fäden zusammen. Sie selbst gehört nicht zur Kirchengemeinde. „Aber ein Thüringer Dorf ist doch ohne Kirche nicht denkbar. Ich will, dass dieser Begegnungsort für Stedten bleibt.“

Die Pilger melden sich bei ihr an, bekommen einen Zugangscode zum Öffnen der Eingangstür und hinterlassen ihren Obolus von 10 Euro. Bei etwa 300 Pilgern pro Jahr summiere sich das. Aber auch das Dorf belebt sich: So mancher schaut für einen abendlichen Schwatz an der Kirche vorbei. „Ich könnte darüber ein ganzes Buch schreiben“, sagt Reinhold Brandt. Er habe hier Menschen aus allen Teilen Deutschlands und der ganzen Welt getroffen. Jugendgruppen kommen mit Zelten, Familien mit Bollerwagen. Die Wiese neben der Kirche wurde schon zur Pferdekoppel, und der nahe Spielplatz erfreut die Jüngeren. Er höre viele Geschichten, fast alle Pilger stünden an Wendepunkten im Leben. Kerstin Kaufmann ist voller Anerkennung für den achtsamen Umgang der Gäste mit der Kirche, und die Eintragungen der Pilger im Gästebuch sagen den Menschen vor Ort danke für ihre Offenheit und Toleranz.

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