Nachgefragt
"Gottesdienst in unverfälschter Form"

Reinhard Hotop
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Immer wieder ist die Erstaufnahmeeinrichtung in Suhl in den Schlagzeilen: Von Sachbeschädigungen, Vandalismus und Einbrüchen im Umfeld des Hauses ist zu lesen. Über Herausforderungen, Perspektiven und die Arbeit des Evangelischen Migrationsdiensts im Kirchenkreis Henneberger Land sprach Beatrix Heinrichs mit dem Projektmitarbeiter Reinhard Hotop.

2021 hat Suhls Oberbürgermeister André Knapp eine Petition zur Schließung der Erstaufnahmeeinrichtung initiiert. 1900 Menschen haben unterzeichnet. Woher kommt die Ablehnung?
Reinhard Hotop: Seit der Eröffnung der Einrichtung im Jahr 2015 gab es eine große Welle der Hilfsbereitschaft für die Geflüchteten aus der Suhler Bevölkerung. Natürlich gab es auch schon zu Beginn Ablehnung und Feindschaft. Das ging besonders von der ortsansässigen Naziszene aus. Es ist wichtig, dass auftretende Probleme im Umfeld der Einrichtung benannt und gelöst werden. Wenn jedoch diese Probleme aufgegriffen werden, um zu pauschalisieren und rassistische Vorurteile zu bestärken, dann führt das zu einer ablehnenden Haltung in Teilen der Bevölkerung. Die Petition wurde infolge einer Häufung von Einbrüchen durch betroffene Bürger initiiert. Die Probleme wurden bearbeitet und zum größten Teil gelöst.

Mit welchen Herausforderungen sehen sich die Geflüchteten in Suhl konfrontiert?
Die Unterbringung in der Erstaufnahmeeinrichtung deckt geradeso ein Mindestmaß an Hygiene, Versorgung und Essen ab. Manchmal wird auch dieses Mindestmaß unterschritten. Das führt zu Frust. Leider haben wir das Gefühl, dass zwar der rechtliche Rahmen für das Asylverfahren und die Verweildauer eingehalten werden, es den Geflüchteten aber bewusst schwer gemacht wird. Positive Veränderungen wurden zwar angestoßen, dauern aber mitunter einfach zu lange.

Wie versucht der Evangelische Migrationsdienst Südthüringen hier zu vermitteln?
Wir erfahren hautnah in den Beratungsgesprächen von den Problemen. Dadurch, dass wir in die Hierarchien und Entscheidungsstrukturen nicht eingebunden sind, können wir nur vermitteln, Themen auch auf politischer Ebene ansprechen und auf Missstände hinweisen.

Wie versucht die Kirchengemeinde in Suhl zu unterstützen?
Die Kirchengemeinde hat mit eigenen Mitteln einen Kirchenraum in dem Haus eingerichtet. Sie unterstützt die ehrenamtliche Arbeit besonders in der Teestube, indem sie die anfallenden Fahrtkosten der Mitarbeitenden erstattet. Mitglieder der Kirchengemeinde sind immer wieder vor Ort, interessieren sich für unsere Arbeit und unterstützen in jeder Hinsicht.

Was wäre nötig, um die Debatte um die Einrichtung zu entschärfen?
Ganz kurz: auftretende Probleme benennen, Zusammenhänge erklären, Lösungen aufzeigen. Durch die kurze Verweildauer der Geflüchteten in Suhl ist es schwierig, soziale Kontakte zwischen der Suhler Bevölkerung und Geflüchteten aufzubauen. Viele Menschen, die in Suhl ankommen, haben unvorstellbar schreckliche Dinge erlebt. Sie sind dankbar, dass sie Sicherheit und Aufnahme finden. Gegenseitiges Misstrauen und Angst können nur dann abgebaut werden, wenn man sich unvoreingenommen begegnet und vom anderen etwas erfährt.

Warum ist es wichtig, dass sich Kirche in der Flüchtlingsarbeit engagiert?
Unsere Arbeit hat eine starke missionarische Wirkung. In unserer Beratungsstelle stellen wir uns als Mitglieder der Evangelischen Kirche und Christen vor. Wir begegnen den Menschen freundlich und aufgeschlossen. Wir stehen vorbehaltlos an ihrer Seite und unterstützen sie. Sie bekommen dadurch einen positiven Ersteindruck von unserer immer noch christlich geprägten Gesellschaft. Durch unsere Unabhängigkeit von staatlichem Handeln können wir Probleme anders benennen. Wir können zur Lösung von Konflikten beitragen und Prozesse moderieren. Unsere Arbeit ist zutiefst christlich und ein Auftrag aus dem Evangelium – Gottesdienst in unverfälschter Form.

Autor:

Beatrix Heinrichs

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