Predigttext
Zögern und Mut

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Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.
Matthäus 25, Vers 12 und 13

Unsere einjährige Tochter war bis vor ein paar Wochen noch eine buchstäbliche Umsetzung des letzten Verses dieses Gleichnisses. Sie wachte die ganze Nacht – und wir mit, müde und genervt an ihrem Kinderbett. Aber das Gleichnis Jesu mag wohl kaum solche durchwachten Nächte im Sinn gehabt haben, bis die Wolken wieder lila sind.
Unverkennbar ist der Anschluss an die Bergpredigt (bspw. Mt 7,22) und viele Parallelstellen, die einem zurufen: „Wachet“ (bspw. Mt 24, Mk 13) Jesus verkündet die Herrschaft Jahves. Sie kommt. Aber wann? Das weiß und entscheidet allein Gott. Das heißt für uns aber nun zu warten, und das taten damals auch alle zehn Jungfrauen. Die klugen und die törichten. Aber erstere warteten ernsthaft. Sie sorgten vor. Sie übernahmen Verantwortung für ihr Leben, denn vielleicht wussten sie: Es könnte einmal zu spät sein. Letztere schliefen mit dem Gedanken ein, dass es schon irgendwie werden wird. Ich finde beides sympathisch, liegt mir doch das jesuanische „Sorgt euch nicht“ sehr am Herzen.
Aber auf unsere kleine und große Welt gesehen, nagt es an mir. Wie lang willst du noch darauf warten, dass sich alles irgendwie selber löst? Dass jemand anderes für dich aufsteht und die Probleme, die Engherzigkeit, den Hass anspricht – zwischen Menschen und in der Gesellschaft? Wie lang willst du noch die eine oder andere wichtige Entscheidung für dein Leben vor dir herschieben?
Für Paul Tillich war klar: Leben im Raum dessen, was ich alles machen könnte, ist kein Leben. Jesu Gleichnis ist dann deutlich: Irgendwann ist es zu spät.
Am Ewigkeitssonntag schaut die Christenheit in zwei Richtungen: zurück, auf ihre Verstorbenen, und auf ihr eigenes Leben. Auf gelebtes Leben in Verantwortung und auf zerbrochenes Leben. Auf falsche und richtige Entscheidungen. Auf verpasste Entscheidungen. Auf Zögern aus Angst und Mut aus Liebe. Kraft dafür gibt dann der Blick voraus an diesem Tag. Auf das Ende des Wartens und die göttliche Ewigkeit. In dieser Spannung lässt uns dieser Sonntag. Oder vielmehr das ganze Leben.

Tobias Gruber, Pfarrer im Kirchenkreis Bernburg
Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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