Predigt
Unerwartet anders
- hochgeladen von Mirjam Petermann
Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Lukas 21, Vers 28
„Deutschland, erhebe Dein Haupt!“ Fett schreit dieser pathetische Satz auf rotem Grund vom weiß gestrichenen Bretterzaun mitten im Dorf, hinter dem sich in aufwendig sanierten Gebäuden Wohlstand türmt.
Von Lüder Laskowski
Die ganze Inszenierung beschwört eine Bedrohungslage. Die Farbe Rot signalisiert Gefahr. Das Banner führt die Passanten mitten hinein in die Apokalypse.
„Und es werden Zeichen geschehen ... und auf Erden wird den Völkern bange sein …“ beginnt der Predigttext zum 2. Advent. Wortwörtlich „in Aporie“, in Ausweglosigkeit, in unauflösliche Widersprüche wird die Menschheit geraten, heißt es in der Endzeitrede Jesu. Im gegenwärtigen Schleudergang zwischen menschlichem Scheitern und den Grenzen, die uns die Schöpfung setzt, klingen diese Worte wie Hammerschläge. Die Leichtigkeit ist verschwunden. Gespräche geraten in kürzester Zeit in schweres Fahrwasser. Ratlos schaut die Menschheit auf einen dunklen Horizont. In der Ferne sieht sie kein Licht.
Jesus wendet unerwartet die Aufmerksamkeit. Weg von der alles überwältigenden „allgemeinen Lage“. So unerwartet, wie im Frühjahr ein tot scheinender Feigenbaum aufblüht, so ist Gott schon auf dem Weg zu uns. Glaubt nicht der Welt, die untergeht. Sie hatte nie Aussicht auf dauerhaften Bestand. Glaubt der erlösten Welt, die schon kommt und sucht nach den kleinen Zeichen ihres Anbruchs. Jesus ruft zurück in die Leichtigkeit, die sich bei denen einstellt, die seiner Ankunft freudig entgegensehen.
Vor diesem Hintergrund wirft die Neukombination des Evangelienzitats am Zaun eine Frage auf. Wer verspricht hier Erlösung? Ich habe die dunkle Ahnung, dass Christus durch den Geist einer nationalen Widergeburt ersetzt werden soll. „Deutschland erwache!“ hieß es in einem niederträchtigen Propagandalied der Nationalsozialisten. Ich weiß nicht, wie weit die Bewohner hinter den Brettern gedacht haben. Zumindest wussten sie um die Kraft dieser Worte. Sie wollten das Pathos eines „letzten Kampfes“ gegen dunkle Mächte, in dem Deutschland angeblich stünde. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, den rettenden Christus durch solche Ideen zu ersetzen. Denn er bringt Frieden, wenn er sagt: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“
Der Autor ist Kirchenrat und Referent für Gemeindeentwicklung im Ev.-Luth. Landeskirchenamt Sachsens.
Autor:Online-Redaktion |

Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.