Predigttext
Nicht Tugend, Geschenk

Sebastian Kircheis, Pfarrer in Weimar

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.
Lukas 6, Vers 36

Barmherzigkeit: ein altes und im täglichen Sprachgebrauch selten benutztes Wort.
Der Begriff war im deutschen Sprachschatz nicht schon immer vorhanden. Die vorchristlichen Germanen kannten anscheinend eine solche Eigenschaft nicht. De-ren Ideal war wohl ein ganz an-deres. Im Nibelungenlied heißt es: „Hart sein und ein Hasser“. Die alten Germanen hatten weder mit dem Begriff noch mit dem, was er umschreibt, irgendetwas am Hut. Offenbar ist es ein spezifisch biblischer Begriff, untrennbar verbunden mit dem christlich-jüdischen Glauben. Keine allgemeine moralische Kategorie, keine Grundlage der Ethik. Jesus will hier nicht verkündigen, dass es einfach tugendhaft sei, wenn man barmherzig, tolerant, vergebungsbereit und großzügig ist.
In einem Vorgespräch über „Barmherzigkeit“ sagte jemand: „Wie kann ich denn jemandem Barmherzigkeit entgegenbringen, der mich mit Zorn erfüllt, wie kann ich jemandem Freundlichkeit zeigen, der in mir die Wut zum Kochen bringt? Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus! Man kann doch nichts ausschenken, was man nicht vorher eingeschenkt bekommen hat.“ Darauf ein anderer: „Du hast recht. Alles hängt davon ab, was du in dir trägst. Aber sind wir nicht die Gefäße, in die Gott seine überströmende und überfließende Liebe ausgegossen hat? Nicht, was du von Natur aus mitbringst, musst du ausschenken. Nicht, was deine Nachbarn, Freunde und Feinde dir geben, musst du austeilen, sondern was Gott dir mitteilt, kannst du weitergeben.“
Wenn Jesus davon spricht, wir sollen barmherzig sein wie unser himmlischer Vater barmherzig ist, dann hat er nicht gemeint, wir sollten uns nur richtig anstrengen, sondern wir können von dem austeilen, was er in unser Leben gebracht hat: Jesus Christus. Und durch ihn die Möglichkeit zur Vergebung, die Liebe, die sich völlig verströmt, die sichere Erwartung eines großartigen Erbes, die lebenslange Möglichkeit des Neubeginns, die Hoffnungsperspektive, die durch keine Dunkelheit verschattet werden kann, die erlassene und bezahlte Schuld. Mit einem Wort: Die Barmherzigkeit. Er hat sie uns leuchtend vor Augen gemalt, als er erzählt, wie der Vater den heimkehrenden Sohn wortlos in die Arme nimmt.
Sebastian Kircheis

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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