Weihnachten im Koran
Isa und Maryam verbinden die Religionen

«Wir wollen ihn zu einem Zeichen für die Menschen machen», sagt Gottes Geist zu Maryam, als er ihr die Geburt ihres Sohnes Isa ankündigt. Auch der Koran kennt eine Weihnachtsgeschichte - sie ist der christlichen verblüffend ähnlich.

Von Christian Feldmann

«Da sandten wir zu ihr unseren Geist. Er sagte: 'Ich bin der Bote deines Herrn, um dir einen lauteren Jungen zu schenken.' Sie sagte: 'Wie soll ich einen Jungen bekommen? Es hat mich doch kein Mensch berührt und ich bin keine Hure.' Er sagte: 'So ist es. Dein Herr spricht: Das fällt mir leicht. Wir wollen ihn zu einem Zeichen für die Menschen machen und zur Barmherzigkeit von uns.' Da war sie mit ihm schwanger.»

Es handelt sich hier nicht um eine freie Übersetzung des allen Christen wohlvertrauten Weihnachtsevangeliums nach Lukas, sondern um Verse aus der 19. Sure des Koran. Dass Jesus, die zentrale Gestalt des Christentums, in 15 der 114 Koran-Suren erwähnt wird, in insgesamt 108 Versen, als Isa, wie Jesus arabisch heißt, oder als Ibn Maryam («Sohn der Maria»), wird viele überraschen. Es wimmelt im Koran von jüdischen und christlichen Leitfiguren wie Noah und Abraham, Mose und Aaron und der Engel Gabriel. Maryam ist die einzige im Koran namentlich genannte Frau. Lediglich Josef, der «Pflegevater» Jesu, kommt nirgends vor.

Gottes Macht, will der Koran mit seiner Erzählung in der 19. Sure sagen, durchkreuzt alle menschlichen Pläne und alle menschliche Skepsis. Er allein ruft einen Menschen ins Leben, den er zu seinem Gesandten (rasul) macht, zum Zeichen seiner Barmherzigkeit. Jesus ist im Koran allerdings ein Prophet, nicht Gottes Sohn.

Genau wie die hebräische Bibel und das Neue Testament erscheint der Koran als Ergebnis eines lebendigen Dialogs mit der Umwelt und deren religiösen Vorstellungen. Mohammed, der islamische Religionsstifter, wurde um das Jahr 570 geboren und starb 632. Er hat, da sind sich die meisten Fachleute einig, die Bibel nur vom Hörensagen gekannt.

Aber er hatte viele Beziehungen zu syrischen und arabischen Juden und Christen, nahm vermutlich auch an dem einen oder anderen Gottesdienst teil. Gebrochen durch das Prisma seiner eigenen intensiven religiösen Erfahrungen, flossen das biblische Material und spätere volkstümliche Überlieferungen aus der jüdischen und christlichen Welt in den allmählich entstehenden Koran ein.

Das Neue Testament schildert Jesus als den von Israel erwarteten Messias, während Mohammed jede derartige Verbindung ausklammert. Was die Erzählungen in Koran und Bibel aber verbindet, ist die Charakterisierung des von Maria geborenen «Gesandten» als Gegenentwurf zu den Mächtigen und Gewaltherrschern.

Der Evangelist Lukas lässt Jesus in einem armseligen Stall draußen vor der Stadt Betlehem zur Welt kommen, «weil in der Herberge kein Platz für sie war». Hirten auf den Feldern, Männer am Rand der Gesellschaft, sind die ersten, die davon erfahren. Und vom Himmel verkünden Engel «Friede auf Erden».

Maria hat in ihrem «Magnifikat» Gott als Rächer der Unterdrückten gepriesen, der die irdischen Machtverhältnisse umstürzen wird. Bei Matthäus flieht die «Heilige Familie» nach Ägypten, weil der um seine Macht fürchtende König Herodes das Kind töten will. Der neugeborene
Jesus: ein Flüchtling.

In der Koran-Sure 19 wiederum kommt Isa selbst zu Wort: «Ich bin Gottes Diener. Er hat mich nicht zum unglückseligen Gewalttäter gemacht. Friede über mich am Tag, da ich geboren wurde, am Tag, da ich sterbe, und am Tag, da ich zum Leben erweckt werde.»

Natürlich setzt die muslimische Weihnachtsgeschichte auch ihre eigenen Akzente: Maryam kann sich in ihrer Angst und Scham wegen der unehelichen Schwangerschaft nicht wie in der christlichen Überlieferung auf einen gutmütigen Josef verlassen. «Du hast etwas Unerhörtes begangen», wirft ihre Umgebung ihr vor (Sure 19), «dein Vater war doch kein schlechter Mann und deine Mutter keine Hure!»

Maryam zieht sich an einen «entlegenen Ort» zurück, nach anderen Übersetzungen wird sie dorthin «verstoßen». Unter einer Schatten spendenden Palme setzen die Wehen ein, Maryam gerät in Todesangst - und jetzt erzählt der Koran eine bezaubernde Legende: «Sei nicht traurig!» ruft ihr irgendjemand zu, vielleicht ist es ein Engel, nach manchen Auslegern meldet sich das Kind im Mutterleib zu Wort, «dein Herr hat unter dir eine fließende Quelle geschaffen. Schüttle den Stamm der Palme, dann lässt sie frische, reife Datteln auf dich fallen. So iss, trink und freue dich!»

Der wesentliche Unterschied aber ist: Isa, der Gesandte Gottes im Koran, ist ein Zeichen Gottes, aber nur ein Zeichen unter vielen. Er ist «Geist von ihm» und ein imposanter Prophet, aber nach ihm kommt das «Siegel» aller Propheten, Mohammed, der Gottes Offenbarung zusammenfasst und abschließt.

Jesus ist für die Muslime ein Respekt gebietender Träger der Botschaft Gottes - aber nicht wie für die Christen die Botschaft selbst. «Für Christen», so präzisiert es der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel, «ist Gottes Wort in Jesus Mensch geworden. Im Islam ist Gottes Wort im Koran Buch geworden.»

(epd)

Autor:

Beatrix Heinrichs

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