Predigttext
Die Sense dengeln

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Wer unter euch hat einen Freund … so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.Lukas 11, Verse 5+8

Von Michael Nicolaus

Das Dengeln der Sense säumt den Schnitter nicht. Beten ist keine Zeitverschwendung. Gebet ist nicht zuerst eine Einrichtung des Sonntags, sondern eine Ausrichtung des Alltags. – Aber die Zeit! Sie ist knapp. In den Turbulenzen des Alltags flammt manchmal ein Stoßgebet auf.

Wenn aber unser Gebetsleben vorwiegend aus Stoßgebeten besteht, werden aus Stoßgebeten bald nur noch Stoßseufzer. Und die Scham, mit andern zu beten! In nicht wenigen christlichen Familien wird deshalb ohne Dankgebet fröhlich zum Suppenlöffel gegriffen.

Ist das Gebet in der Krise, ist das Gespräch in der Krise. Beziehungswüsten beschreiben wir mit dem Satz: Sie reden nicht mehr miteinander. Ein vernachlässigtes Gebetsleben ist nicht ein Schaden am Rande unseres Lebens, sondern eine Wüste im Zentrum unseres Herzens. Jesus ermutigt uns, solche Wüsten zu bewässern und erzählt von einem, der bittet und Hilfe bekommt. Um Mitternacht läuft er zum Nachbarn, weil er Brot braucht. Auf den ersten Blick könnte man meinen: Not lehrt bitten, dieser Mann gibt ein Beispiel für ein Stoßgebet. Ein Wort räumt dieses Missverständnis aus: Freund.

Der Bittende geht zu seinem Nachbarn, seinem Freund. „Freund“ beschreibt die blühende Landschaft einer lebendigen Beziehung. Freundschaft braucht Zeit, Gespräch und Herz. Um dieser Freundschaft willen weiß er: Ich werde bekommen, was ich brauche. Er bittet auch nicht für sich, sondern für den Grundbedarf eines anderen. Fürbitte ruft zu Gott: „Gott, lieber Freund, ich habe nichts für den andern, hilf mir.“

Im Beten offenbart sich meine menschliche Schwachheit. Diese Schwachheit, nicht nur zu beten, sondern treu zu beten; nicht nur zu lieben, sondern brennend; nicht nur zu geben, sondern gern; nicht nur zu hoffen, sondern alles zu hoffen.

Hast du „einen Freund in der Nacht“, in der Nacht deines Herzens, wenn sich der Hunger nach Leben als Gast einstellt? Und du nichts hast, was auf dem Tisch deines Lebens steht? Gedenke, da ist Jesus, Freund in Nöten und Nächten deines Lebens. Wer in Versuchung gerät, das Gebet hintenan zu stellen, soll das Wort des Bauern vor dem reifen Kornfeld nicht vergessen: Das Dengeln der Sense säumt den Schnitter nicht.

Der Autor ist Pfarrer in Oßling im Kirchenbezirk Bautzen-Kamenz.

Michael Nicolaus
Autor:

Online-Redaktion

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