Zwischen Glaubensoptimismus und Klischee

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Das Buch tritt uns entgegen als „Resümee aus meiner 35-jährigen Erfahrung als Gemeindegründer, Theologe, Pfarrer und Projekt-Coach“, und da ist man schon gespannt.

Von Marco Frenschkowski

Alexander Garth will dem Defätismus begegnen, den er in deutschen Kirchen beobachtet, und verweist auf die ganz unterschiedliche Entwicklung in anderen Ländern. Religion wächst, meint Garth, nur in Deutschland – und einer Handvoll anderer Länder – nicht. Das ist statistisch nicht falsch, aber doch nur die halbe Wahrheit.

Der Islam wächst zum Beispiel doppelt so schnell wie die christlichen Kirchen. Das „Betriebsmodell Kirche“ müsse radikal umgebaut werden in einer Welt, in der Christentum eine Option neben anderen ist. In Ländern, in denen das Christentum wächst, herrschten denn auch andere Kirchenmodelle, und das Ideal einer kulturkonformen Volkskirche, in die man geboren wird, spielt keine Rolle. Kann man das sagen?

Sicher, in Afrika ist in einem halben Jahrhundert die Zahl der Christen um das Fünfzigfache gestiegen, und in hochtechnisierten Gesellschaften gäbe es ein wachsendes Christentum vor allem dann, wenn sie nie eine staatsgestützte Volkskirche hatten. Eine Ursache der deutschen Misere sei aber eine Kirche „ohne Wunder, ohne Mysterien, ohne Hereinbrechen des Göttlichen in unsere Lebens- und Erfahrungswelt. Für Menschen, die nach spiritueller Erfüllung und geistlicher Orientierung und Erfahrung hungern, ist der Glaube im reduktiven Setting eines fundamentalistischen Rationalismus uninteressant und langweilig.“

Ich widerspreche nicht. Mir gefällt auch der Begriff der „Kontrastgesellschaft“ – er stammt von G. Lohfink – für das, was Kirchen werden müssen. „Eine an die Allgemeinheit angepasste Kirche produziert Langeweile und Gleichgültigkeit.“ Den Kirchen hat er mancherlei vorzuwerfen: eine reduktive Christologie, einen Totalausfall in Sachen Pneumatologie, einen Widerwillen gegen nicht-volkskirchliche Modelle, eine Legitimierungsideologie für ein Minimalchristentum.

Diese Diagnosen sind allesamt nicht neu. Man ist gespannt auf die Therapie, die er an zahlreichen Beispielen aus der kirchlichen Praxis entwirft. Sehr richtig ist sein Hinweis, dass wir religionssoziologisch sehr genau wissen, welche Kirchen weltweit wachsen, welche schrumpfen, und in Ansätzen auch, warum. Zum Beispiel: Je weniger sich Kirchen von der sie umgebenden Gesellschaft unterscheiden, desto stärker schrumpfen sie.

Einiges bei Garth ist freilich Klischee. Sein Rekurs auf die christlichen Anfänge leidet daran, dass er die Gründe für den Erfolg der jungen Religion in dem sieht, was heute nachahmenswert scheint. Wir wissen aber, dass das vielfach nicht stimmt – obwohl er Rodney Stark kennt, der hierzu Wichtiges geforscht hat. Aber das nehme ich dem Buch nicht übel, denn sein Herz schlägt an anderer Stelle, und da ist sein Glaubensoptimismus erfrischend. Man muss nicht allem zustimmen, was er über Mission, direkte spirituelle Erfahrung, Commitment, Anbetung, kontextuelle Konversionstheologie sagt, aber er belegt es ausführlich mit Erfahrungswerten aus konkreten Gemeinden, gerade auch in Ostdeutschland.

Etwas unheimlich berührt der Triumphalismus, mit dem er die Zukunft einer erneuerten Kirche sieht: Ich war an das von Otto Dibelius 1926 angekündigte „Jahrhundert der Kirche“ erinnert. Aussagen über die Zukunft von Religion haben vor allem gemeinsam, dass sie niemals so eintreffen, wie angekündigt, freilich Gott sei Dank auch nicht die defätistischen.

Wirklich geärgert hat sich der Rezensent über die unerträglich pauschalen Sätze zur akademischen Theologie, seinen Lieblingsfeind, die weitab von dem sind, was wir Theologen tatsächlich tun und glauben. Hier unterstellt er – vielleicht noch aus Studienerinnerungen – Positionen, die heute praktisch niemand vertritt. Garth „rechnet damit, nachdrücklich Widerspruch zu ernten“.

Dazu muss sein Buch gelesen werden: Und das wünsche ich ihm durchaus. Der Widerspruch wird nicht ausbleiben, aber es könnte eine fruchtbare Diskussion sein.

Garth, Alexander: Untergehen oder umkehren. Warum der christliche Glaube seine beste Zeit noch vor sich hat. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 240 S., ISBN 978-3-374-06915-6; 15,00 Euro

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Online-Redaktion

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