Rezension
Wenn ich dir begegnet wäre …

Foto: eva-leipzig.de

Die Jahre von 1933 bis 1945: Sie stehen für den Zivilisationsbruch in Deutschland. Unsagbar die Leiden der Ermordeten, unvorstellbar die Verbrechen der Mörder.

Von Ulrich Huppenbauer

Wie aber sollen und können wir darüber erzählen? Eine Möglichkeit bietet Wolfgang Böllmann in seinem Buch „Wenn ich dir begegnet wäre … Dietrich Bonhoeffer und Jochen Klepper im Gespräch“. Böllmann erzählt von Gesprächen, die so nie stattgefunden haben, die uns diese beiden grundverschiedenen Menschen sehr nahebringen.

Jochen Klepper, dieser fromme Mann und Dichter des wunderbaren Adventslieds: „Die Nacht ist vorgedrungen“, war auch preußischer Patriot. Hierarchisches Denken hatte er verinnerlicht, so auch die Ermahnung des Paulus: „Seid untertan der Obrigkeit“ (Römer, 13). Selbst betroffen und getroffen war er durch die Tatsache, dass seine Frau und ihre beiden Töchter aus erster Ehe Jüdinnen waren. Dieses Zusammenspiel von tief-konservativer Haltung zum Staat und der unverbrüchlichen Liebe zu Frau und Kindern zerriss ihn innerlich. In seinem Leiden sah er sich mit dem Leiden Christi verbunden. Alle Versuche, für Frau und jüngste Tochter noch eine Ausreise nach Schweden zu ermöglichen, waren gescheitert. Schließlich, einen Tag vor der angeordneten Deportation, nahmen sich Jochen, Hanni und Renate am 11. Dezember 1942 das Leben.

Lebensstationen von Dietrich Bonhoeffer

Vor 80 Jahren, am 9. April 1945, wurde der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet. Einige Stationen seines Lebens:
Am 4. Februar 1906 in Breslau geboren, dem heutigen polnischen Wroclaw. 1930/31: Studienaufenthalt in New York am Union Theological Seminary mit Kontakt zu afroamerikanischen Gemeinden. 1933: u.a. Veröffentlichung des Vortrags „Die Kirche vor der Judenfrage“.
1934: Teilnahme an der Barmer Bekenntnissynode, mit Gründung der Bekennenden Kirche. 1935: Leitung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche. Erstes Predigt- und Lehrverbot. 1937: Das Predigerseminar Finkenwalde wird von der Gestapo geschlossen. Weiterarbeit im Untergrund. 1939: Möglichkeit zur Emigration in die USA, kehrt aber freiwillig nach Deutschland zurück. Wahrscheinlich erste Kenntnis von den Plänen zur Ermordung Hitlers durch Hans von Dohnanyi.
1940: Weiteres Redeverbot durch die Nationalsozialisten 1941/42: Mitarbeit im militärischen Auslandsgeheimdienst (Amt Ausland/Abwehr) als Tarnung für Widerstandsaktivität. 1943: Verlobung mit Maria von Wedemeyer, Verhaftung wegen angeblicher Wehrdienstentziehung, theologische Schriften im Gefängnis. Frühjahr 1945: Verlegung ins KZ Buchenwald, später nach Flossenbürg. Am 9. April 1945 auf Anweisung Hitlers im KZ Flossenbürg hingerichtet. (epd)

Anders als Klepper war Bonhoeffer ein Kämpfer. Für ihn stand schließlich fest, „man muss dem Rad in die Speichen greifen“, um diesen Unrechtsstaat zu stoppen. Für sehr gelungen halte ich das fiktive Gespräch zwischen der Vikarsgruppe Bonhoeffers aus Finkenwalde und Klepper. Es ging um die Frage, ob man auch einem Unrechtsstaat gegenüber zum Gehorsam verpflichtet sei. Einig waren sich alle in der Kritik gegenüber der eigenen Kirche, die selbst zu großen Teilen dem Rassenwahn verfallen war – mit der Folge, dass sie sogar getaufte Gemeindeglieder jüdischer Herkunft im Stich ließ.

Das Schicksal Kleppers bestimmt nach diesem Buch auch das Leben und Wirken Bonhoeffers im Gefängnis in Berlin-Tegel. Zur Seite stand ihm dort der Gefängnisseelsorger Harald Poelchau. Klepper und Bonhoeffer – Menschen, die, indem sie Christus treu geblieben, sich selbst und den Mitmenschen treu geblieben sind. Von diesen beiden Lichtgestalten in zwölf dunklen Jahren erfahren wir in diesem sehr lesenswerten Buch. 

Böllmann, Wolfgang: Wenn ich dir begegnet wäre … Dietrich Bonhoeffer und Jochen Klepper im Gespräch. Ev. Verlagsanstalt, 160 S., ISBN 978-3-374-07618-5; 18,00 Euro

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