Digitalisierung
Unser Herrgott und das Internet

Vertreter von Politik, Kirche und Wirtschaft suchten am 22. Oktober in Magdeburg Antworten auf die Frage, „Wie der Wandel in eine freie digitale Gesellschaft gelingen kann".

Im Lauf des Abends kristallisierte sich heraus: Die Wünsche und Vorstellungen, wie die künftige digitale Welt aussehen soll, lassen sich nicht so leicht erfüllen. Soll sie stärker staatlich kontrolliert werden? Wo sind Grenzen zu schützen und rote Linien zu ziehen? Bei der Begegnung spielte auch das Attentat vom 9. Oktober in Halle eine Rolle, als ein 27-Jähriger versuchte, in die Synagoge einzudringen, und – als das nicht gelang – zwei Menschen erschoss und weitere verletzte.

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und die Arbeitsgruppe Mitteldeutschland des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer (AEU) hatten zum Gedankenaustausch eingeladen – mit Klemens Gutmann, Chef der Magdeburger Firma regiocom als Vertreter der Wirtschaft, mit dem sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (CDU) als Vertreter der Politik und Landesbischof Friedrich Kramer.
Dieser sagte, dass sich Kirche bisher mit dem Internet schwer tue, weil sie vom Buch her kommt. „Die Idee, dass wir das Evangelium auf die Website der Kirche stellen und alle es lesen, ist Schnee von gestern.“ Kramer verwies auf die Erfahrungen mit kirchlichen digitalen Angeboten. Diese zeigten, dass etwa solche zum Gebet gut funktionierten, solche zur Glaubensvermittlung seien schwieriger. Sicher aber sei: „Unser Herrgott wird uns nicht allein lassen, auch nicht mit dem Netz.“ Kramer rief dazu auf, dass dort, wo Menschen bedroht oder beschädigt werden, die Gesellschaft wachsam sein müsse. „Wir dürfen nicht darüber hinwegsehen, wenn es Probleme gibt. Die Verantwortung hat jeder von uns.“

Unternehmer Gutmann verwies aber darauf, dass der christliche Glaube in früheren Zeiten durchaus mit den jeweils modernen Formaten vermittelt worden sei. Er verwies auf Studien, die weltweit große Unterschiede zeigen, ob das Netz zur Kommunikation oder zum Surfen genutzt werde: „Obersurfer sind die Deutschen.“ Und er machte die Unterschiede zwischen klassischen Unternehmen und dem Netz klar: „Als Unternehmer müssen sie für das, was sie tun und sagen, mit ihrem Namen einstehen. Das Internet ist so nicht angelegt.“ Er forderte „eine Kultur der Verantwortung statt Schundinhalte aller Art“, schränkte aber auch ein: Ein Konsens darüber wäre vielleicht zu finden, "aber finden wir auch Mechanismen, das umzusetzen?“

Ministerpräsident Haseloff sagte mit Blick auf Halle, dass die Gründe für das Handeln des Täters nicht allein im Internet oder in Videospielen zu suchen seien, sondern – wie die Ermittlungen zeigten – zuerst in seinen Lebensumständen. Trotzdem fehle es im digitalen Raum an Regularien, Rechtsprechung und Gesetzen. Zu unterschiedlich, ja gegensätzlich seien weltweit auch die Wertvorstellungen. Staatliche Eingriffe – wie etwa die Kontrolle des Wohlverhaltens wie in China – hält er für problematisch. Aber warum gebe es keine Klarnamenverpflichtung, keine Gebühr für die Netznutzung statt Datenhandel, keine Selbstkontrolle auf ethischen Grundlagen? „Europa muss eigene Standards setzen", betonte er. "Das ist eine Herausforderung für die EU.“

Angela Stoye 

Autor:

Beatrix Heinrichs aus Jena

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