Perlen jüdischer Musik

Der Leipziger Synagogalchor bringt jüdische Musik auf die Konzertbühne – und manchmal auch in die Synagoge.
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  • Der Leipziger Synagogalchor bringt jüdische Musik auf die Konzertbühne – und manchmal auch in die Synagoge.
  • Foto: Leipziger Synagogalchor e.V./Rolf Walter
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Nach der Shoa schien die Tradition ­jüdischer Musik in Deutschland ausgelöscht. Doch seit den 1950er-Jahren hält der Leipziger Synagogalchor dieses Erbe lebendig.

Von Olaf Schmidt

Und wie viele Jüdinnen und Juden singen im Synagogalchor?« Ludwig Böhme antwortet ohne Umschweife: »Null«. »Aber die Mitglieder sind schon immer sehr motiviert gewesen, jüdische Musik und jüdische Kultur, die im Dritten Reich fast ausgelöscht wurde, wieder zu beleben«, fügt er hinzu. Zur Begeisterung kommt das Können: Obwohl die 30 Sängerinnen und Sänger Amateure sind, bewegt sich der Synagogalchor auf professionellem Niveau. Zahlreiche CD-Aufnahmen und Konzerte im In- und Ausland zeugen davon.
Ursprünglich ist der jüdische Gottesdienst vom Wechselgesang zwischen Kantor und Gemeinde geprägt. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts begannen aber liberale Gemeinden, sich in den äußeren Formen und auch der Liturgie den christlichen Kirchen anzugleichen: Der Rabbiner trug einen Talar; in die Synagogen wurden Orgeln eingebaut, und auch auf einen Chor mochten die jüdischen Gläubigen nicht verzichten. Komponisten wie Salomon Sulzer (1804–1890) in Wien und Louis Lewandowski (1821–1894) in Berlin schufen neue liturgische Musik, die sich bald außerordentlicher Beliebtheit erfreute. Die Kantoren waren oft Sänger, die auch bei Opernhäusern unter Vertrag standen. So befruchteten sich jüdische und nichtjüdische Musikkultur wechselseitig.
Mit der Shoa wurde auch die jüdische Musiktradition in Deutschland nahezu ausgelöscht. Ganz verstummt ist sie indessen nicht: 1950 wurde Werner Sander (1902–1972) Kantor der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Zunächst gründete er den Leipziger Oratorienchor. Aus Sängern dieses Chores und dem Synagogalchor, bildete er den neuen »Leipziger Synagogalchor«. Nach Sanders Tod setzte der Operntenor Helmut Klotz dessen Arbeit höchst erfolgreich fort. Unter seiner vierzigjährigen Chorleiterschaft absolvierte das Ensemble, durchaus als antifaschistisches Aushängeschild des DDR-Regimes, viele Konzertreisen und Auftritte in berühmten Häusern. Seit 2012 leitet der Sänger und Chordirigent Ludwig Böhme den Chor.
Ob der Leipziger Synagogalchor tatsächlich in einer Synagoge auftritt oder nicht, hängt von der Ausrichtung der jeweiligen Gemeinde ab. In London und auch in Israel durften die Leipziger ohne weiteres in liberalen Gotteshäusern singen. Orthodoxe Gemeinden halten dagegen am Alt-hergebrachten fest. Auch die Leipziger Synagoge ist orthodox. »Wir arbeiten gut mit der Gemeinde vor Ort zusammen«, sagt Böhme. »Aber es gibt klare Grenzen: Im Gottesdienst spielt der Chor keine Rolle.« Aber darum geht es ihm auch gar nicht: »Wir sind ja kein Synagogenchor«, so Böhme, »sondern ein Chor, der synagogale Musik auf Konzertpodien bringt«. So wie eine Bachkantate zugleich liturgische Musik und universelles Kunstwerk sei, die überall, in der Kirche wie im Konzertsaal, ihre Berechtigung habe, verhalte es sich auch mit der jüdischen Musik: »Die Kunstwerke, die so universell sind, dass sie sich aus dem liturgischen Rahmen lösen, sind natürlich musikalisch am reizvollsten«, meint Böhme. »Ich bin ständig auf der Suche nach solchen Perlen.«
Heute ist der Leipziger Synagogalchor das einzige deutsche Ensemble, das sich ausschließlich jüdischer Chormusik widmet. Sein Repertoire reicht von Werken der Renaissance über die synagogale Musik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bis hin zu traditionellen hebräischen und jiddischen Liedern. »Wir versuchen, die schönste Musik zu machen«, sagt Böhme. »Aber wir sind uns auch dessen bewusst, dass wir damit auch ein Statement setzen: Wir haben diese Musik gern, die hier früher nicht geduldet wurde. Die Botschaft des Chors lautet: Es gibt Deutsche, die gerne eine jüdische Kultur regelmäßig in ihr Leben integriert haben, ohne dass sie selbst jüdischen Glaubens sind.«
Aktuell beteiligt sich der Synagogalchor an der Jüdischen Woche in Leipzig. Das Abschlusskonzert wird am 30. Juni auf dem Leipziger Hauptbahnhof unter dem Titel »Bloch im Bahnhof« stattfinden. Gemeinsam mit anderen Sängern und Musikern wird der Synagogalchor den chorsinfonischen Sabbatgottesdienst »Avodath Hakodesh« des Komponisten Ernest Bloch (1880–1959) aufführen. Im Laufe des Jahres wird der Chor aber auch an anderen Orten in Sachsen und Mitteldeutschland zu hören sein, so am 6. Juli in St. Annen in Annaberg, im September in der Georgenkirche in Eisenach, im Oktober in der Friedenskirche in Zwickau.

Das Programm des Leipziger Synagogalchores finden Sie unter:
www.synagogalchor-leipzig.de
Das Programm der Jüdischen Woche Leipzig (23.–30. Juni) finden Sie unter:
www.leipzig.de/juedische-woche

Der Leipziger Synagogalchor bringt jüdische Musik auf die Konzertbühne – und manchmal auch in die Synagoge.
Chorleiter Ludwig Böhme
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Online-Redaktion aus Weimar

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