Rezension
Europa vor der Entzauberung
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Volker Leppin ist ein Geschichtenerzähler. Er erzählt zum Beispiel von Athanasius Kircher (1602 bis 1680), einem der größten Universalgelehrten seiner Zeit.
Von Edgar S. Hasse
Der Naturtheologe aus Geisa in der thüringischen Rhön fragte, wie es sein könne, dass es in Nordamerika einen Bison gibt, der so ähnlich aussieht wie die Kuh in Europa. Seine Antwort lautete so biblisch wie revolutionär und nahm Darwins Evolutionstheorie vorweg: Alle Tiere seien aus der Arche Noah gekommen. Doch weil die Kontinente sich auseinanderentwickelten, habe sich dieses Tier in Nordamerika der dortigen Natur angepasst.
Rund 900 Namen umfasst das Register in Leppins neuem Opus „Gottesspuren“. Die allermeisten dieser Personen mit ihren religiösen Geschichten lebten in einer Zeit, in der Gott jederzeit und überall als präsent wahrgenommen wurde. „Gott ist überall“, steht leitmotivisch am Anfang des historischen Monumentalwerkes von Leppin, der eben nicht nur Geschichtenerzähler, sondern Professor of Historical Theology an der Yale University in den USA ist, nach beruflichen Stationen in Jena und Tübingen.
Während im heutigen Europa Gottes Präsenz vielerorts ignoriert, verdrängt oder vergessen wird, begibt sich der renommierte Kirchenhistoriker auf religiöse Spurensuche in jene Zeit, die er Vormoderne nennt und die jäh mit der Aufklärung und der „Entzauberung“ (Max Weber) der Welt endet. Nicht chronologisch, sondern thematisch gegliedert erfahren die geneigten Leserinnen und Leser, wie die Menschen damals religiös tickten – von Heiligenverehrung bis zur Hexenverfolgung.
Leppin setzt den Schwerpunkt von 1400 bis 1600. Besonders faszinierend gelingt ihm das Kapitel über „Gott und die Natur“, das zeigt, wie Astronomie und Frömmigkeit damals Hand in Hand gingen, Wissenschaft und Gottesglaube kein Gegensatz waren. Er verschweigt die Schattenseiten nicht: Der Hass gegen Juden und Muslime wird als Teil dieser absolutistischen Ordnung analysiert. Allein schon deshalb mag man sich jene Zeit nicht zurückwünschen.
Aber ein bisschen mehr tiefe Religiosität wie einst würde unserer gottvergessenen Gesellschaft guttun. Schließlich könne der Blick, der nichts von Gott sieht, „von dem lernen, der ihn überall sieht“, schreibt Leppin zum Schluss eines empfehlenswerten Buches.
Leppin, Volker: Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung. Herder, 656 S., 38,00 Euro, ISBN 978-3-451-07335-9
Autor:Online-Redaktion |
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