Myrrhe ist Heilpflanze des Jahres
Ein klebriges Harz

«... und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe» - so berichtet das Matthäusevangelium von den drei Weisen. Die Myrrhe hat eine lange Tradition als Heilpflanze, findet aber auch in der modernen Medizin Verwendung.

Von Susanne Lohse 

Ein kulturhistorisch interessantes Harz, die Myrrhe, gehört fest zur Weihnachtsgeschichte. Im zweiten Kapitel des Matthäusevangeliums wird von drei Weisen berichtet: «Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.» So liest es auch die Schauspielerin Barbara Zechel in der Youtube-Weihnachtsandacht der badischen Landeskirche aus der Heidelberger Sternwarte. «Myrrhe» - jeder kennt das Wort, doch nur die wenigsten wissen, was sich hinter der Arzneipflanze des Jahres
2021 verbirgt.

Dabei verfügt das Harz, das aus der Wüste kommt, über viele Talente. «Die lange Geschichte der Myrrhe ist faszinierend», sagt Tobias Niedenthal von der Forschergruppe Klostermedizin in Würzburg.
Einst war das gelb-rot-bräunliche Granulat des Myrrheharzes so wertvoll wie Gold. Es wäre jedoch müßig, den klebrigen Saft des Myrrhestrauches nach heutigem Maßstab in Euro und Cent bemessen zu wollen. Bereits im 2. Jahrhundert nach Christus wies Kirchenvater Origines von Alexandria darauf hin, dass die Geschenke der Weisen sinnbildlich zu verstehen seien.

Die Schalen mit Gold, Weihrauch und Myrrhe waren somit standesgemäße Gaben zur Begrüßung des Jesuskindes und keineswegs die Eröffnung eines millionenschweren Kontos für den Gottessohn. Gold stand für die Königswürde, Weihrauch für die Gottheit und Myrrhe als Symbol des Leidens für den vorbestimmten Tod.

Der Wert der Myrrhe, die heute zu erschwinglichem Preis zu bekommen ist, erklärt sich aus den damals langen und beschwerlichen Transportwegen. Der stämmige Strauch wächst auf trockenen Böden im Nordosten Afrikas wie Somalia, Jemen oder Oman. Von dort mussten Händler bis nach Palästina zwischen 3.000 und 4.000 Kilometer durch die Wüste zurücklegen.

Die buschartigen Bäume von Commiphora myrrha, so der botanische Name der echten Myrrhe, können einige Meter hoch werden. Neben der echten Myrrhe sind rund 200 weitere Arten in Indien, Westafrika und Äthiopien bekannt. Die Blätter des zur Familie der Balsamgewächse zählenden Strauches sind ledrig und gefiedert, gegen Fressfeinde wehrt es sich mit spitzen Dornen. Aus den gelblich-grünen Blüten der rein weiblichen und rein männlichen Bäume reifen nacheinander eiförmige Steinfrüchte.

Das begehrte Harz tritt aus der Borke des Baumes aus. An der Luft trocknet der Rindensaft zu einem durchscheinenden, harten Gummiharz.
Dessen bitterer Geschmack stand Pate für den Namen: Das arabische «murr», von dem sich das Wort Myrrhe ableitet, bedeutet «bitter».
Bereits vor 3.000 Jahren verwendeten die alten Ägypter Myrrhe zur Einbalsamierung der Pharaonen, jüdische Salböle enthielten ebenfalls Myrrhe. Sowohl das Wort «Christus» als auch «Messias» meinen wörtlich «der Gesalbte».

Bereits das älteste Buch der Klostermedizin, das Lorscher Arzneibuch aus der Zeit etwa 800 nach Christus, erwähnt die Myrrhe als wirksames Heilmittel. Das Kräuterbuch schreibt dem Harz eine Heilwirkung bei Mundgeruch und Bronchitis bis zu Parasiten- oder Wurmbefall zu. Rezeptiert sind etwa eine Abführsalbe, ein Komplexmittel zusammen mit Weihrauch und dem - hochgiftigen - Schierling zur Wundheilung oder eine Mischung aus Ziegenmilch und Myrrhe bei Rachenentzündungen.

Anwendung findet die Myrrhe heute in der modernen Pflanzenheilkunde als Tinktur, Dragées oder Salbe. Sie wirke krampflösend auf den Darm, könne Entzündungen der Mundschleimhaut lindern und Wunden desinfizieren, weiß Tobias Niedenthal. «Als Wirkstoffkombination mit Kaffeekohle und Kamille ist Myrrhe sogar in den ärztlichen Leitlinien empfohlen», verweist er auf eine Studie von
2013 zur entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa.
Verantwortlich für die Wirksamkeit seien Bitterstoffe und ätherische Öle in dem Baumharz, so das Mitglied der Forschergruppe.

Kulturhistorisch bedeutsam ist die Myrrhe auch als Parfum mit erdigem Aroma. In der Antike galt das Harz als Aphrodisiakum. Die erotisierende Wirkung findet mehrfach im «Hohelied Salomos»
Erwähnung: «Ein Beutel Myrrhe ist mir mein Geliebter, der zwischen meinen Brüsten ruht.» In Psalm 45,9 heißt es schließlich: «Nach Myrrhe, Aloe und Zimt duften alle deine Kleider. Saiteninstrumente erklingen zu deiner Freude, aus Palästen, verziert mit Elfenbein.»

(epd)

Autor:

Beatrix Heinrichs

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