Blickwechsel
Wie der Feminismus die Außenpolitik verändern will

Geschlechterthemen gehören in die Innenpolitik, Rubrik: Soziales, Unterordner: Gedöns. So despektierlich benannte der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) einst die Frauen- und Familienpolitik.

Von Katja Schmidtke

Heute läuft in der SPD ein Parteiordnungsverfahren, weil Schröder nicht von seiner Männerfreundschaft und seinen Geschäftsbeziehungen lassen will. Sein Freund Wladimir Putin führt einen brutalen Angriffskrieg.

Welches Menschen- und Weltbild Putin hat, offenbarte er auf einer Pressekonferenz. Kurz vor Kriegsbeginn sagte er, an Wolodymyr Selenskyj gerichtet und bezugnehmend auf das Minsker Abkommen: "Ob es dir gefällt oder nicht, es ist deine Pflicht, meine Schöne." Das Narrativ hinter dieser Vergewaltigungskonnotation lautet: Der Stärkere unterwirft die Schwächere. Eine solche Denkschule hat die internationalen Beziehungen lange dominiert. Niccolò Machiavelli, Thomas Hobbes und Hans Morgenthau gelten als Vordenker. "Die politische Ideengeschichte ist geprägt vom Dualismus zwischen männlich und weiblich, innen und außen, privat und politisch, werten und kräftemessen", sagte die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Antje Schrupp kürzlich bei einer Veranstaltung der Evangelischen Frauen in Mitteldeutschland. Dieser Dualismus bricht langsam auf, auch weil der Feminismus das "Gedöns"-Feld verlässt. Viel zu lange bezog er sich auf Fragen der Repräsentanz, auf Arbeits- und Familienpolitik. Aber feministische Perspektiven brauche es auch in der Außenpolitik, so Schrupp. Dabei geht es generell nicht darum, dass Frauen sich gegen Männer stellen, sondern dass Frauen sowie Schwarze Menschen, Menschen mit Behinderung und die LGBTQI-Community in ihren Perspektiven gesehen und an politischen Prozessen beteiligt werden.

Den Begriff einer feministischen Außenpolitik prägte die einstige schwedische Außenministerin Margot Wallström. Sie stellte die Rechte von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen zum ersten Mal in den Mittelpunkt. Am Tag des Kriegsausbruchs ist nun ein neues Buch erschienen: "Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch" von Kristina Lunz. Die Wissenschaftlerin und Aktivistin arbeitet darin heraus, dass internationale Beziehungen nicht naturgemäß so sind, wie wir sie kennen, sondern dass sie patriarchale, eurozentrische und imperialistische Überzeugungen widerspiegeln. "(…) Überzeugungen, die ein pures Entsetzen in mir auslösten, wie etwa die Idee, dass die tödlichsten von Menschen erdachten Waffen, Massenvernichtungswaffen wie Atombomben, zu internationaler Sicherheit beitrügen." Wer das jetzt angesichts des Krieges in Frage stellt, wie EKD-Friedensbeauftragter Friedrich Kramer, gilt bestenfalls als naiv.

Abrüstung und ein Ende privater Rüstungsindustrien sind urfeministische Themen, sie wurden schon 1915 auf dem Den Haager Frauenfriedenskongress debattiert. Heute verharre die Friedensdebatte im Entweder-oder, kritisiert Antje Schrupp. "Pazifismus und Militarismus sind keine Gegenmodelle, sie hängen zusammen." Jetzt müsse man kurzfristig reagieren, aber mittel- und langfristig brauche es Friedensstrategien. Neben der Abwesenheit von Krieg bedeutet Frieden soziale Sicherheit, Gerechtigkeit und eine Beteiligung aller gesellschaftlicher Gruppen.

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