Fukushima 10 Jahre nach der Katastrophe
Land der schwarzen Säcke

Noch 30 bis 40 Jahre werden die Folgearbeiten der Reaktorkatastrophe 2011 in Fukushima dauern. In schwarzen Säcken lagert die von Baggern abgetragene, verseuchte Erde. Einen sicheren Ort kann es für so viel radioaktives Material nicht geben.
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Insel des Glücks bedeutet Fukushima übersetzt. Doch unzählige Bewohner der Präfektur in Japans Nordosten haben ihr Glück verloren, als die Region an jenem 11. März vor zehn Jahren zu traurigem Weltruhm kam.

Von Alexander Brüggemann

Der Begriff "Furusato" ist in der japanischen Kultur fest verankert. Er bedeutet übersetzt etwa "Heimaterde" oder Ort der Heimat; die verlorene Landschaft der Kindheit – aber auch die letzte Landschaft, die wir sehen, bevor wir sterben. Die Menschen im Nordosten Japans versuchen nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima-Daiichi vor zehn Jahren, mit dem Geschehenen klarzukommen und in einer entstellten und vergifteten Landschaft ihr Leben weiterzuleben. Menschen, die entwurzelt sind und sich doch um keinen Preis entwurzeln lassen wollen.

Die Reaktorkatastrophe am 11. März 2011, ausgelöst durch ein schweres Seebeben und einen darauf folgenden Tsunami, war die dritte schwere Atomkatastrophe in Japan nach den Bombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki im August 1945. Rund 170 000 Bewohner der Region um Fukushima und Minamisoma mussten vor der Radioaktivität fliehen und alles zurücklassen: ihre Häuser, ihre Tiere, die Asche ihrer Ahnen und eigentlich jeden Sinn für die Zukunft hier.

Keine Heimkehr

Die Folgen der Tragödie sind auch zehn Jahre danach noch überall gegenwärtig. Namie ist eine verbotene Stadt. Die zersiedelte Kleinstadt mit einst 20 000 Einwohnern liegt am Rand der 20-Kilometer- Sperrzone rund um den havarierten Atommeiler Fukushima-Daiichi. Der Wind hat in jenen Märztagen 2011 radioaktive Teilchen über die Luft weit in der Region verteilt. An einem der Stadtränder kann man die Schneise besichtigen, die die Wasserwand des Tsunami kilometerbreit in die ufernahe Bebauung schlug. Eine Straße, halb abgebrochen, unter der in 15 Meter Tiefe der Pazifik tost. Das Fiepen des Strahlungsmessgeräts ist ständiger Begleiter. Sieben Kilometer sind es von hier zum Reaktor. Das Stadtzentrum: surreal. Eine Geisterstadt, von einem Moment auf den anderen aus dem Leben gerissen. Abgesperrt bis auf eine einzige Durchgangsstraße, an der verlassene Ladenlokale aufgereiht sind wie Perlen. Dornröschenschlaf.

Im April 2017 hob Japans Regierung die Evakuierungsbefehle für Teile Namies auf; deren Einwohner durften in ihre Häuser zurückkehren. Andere Teile sind bis heute Sperrzone. Yoshiko Amano hatte sich auf die erste Heimkehr gefreut. Endlich. Für einen Tag am Wochenende, um nach dem Rechten zu sehen. Doch schon der Weg dorthin fühlte sich verkehrt an. Überall musste die Witwe ihren Pass vorzeigen, wie eine Fremde. In ihrer Küche liefen Kakerlaken und Mäuse herum; den Garten hatten Wildschweine verwüstet.
"Das war nicht nach Hause kommen", so die Rentnerin traurig. Sie entschied, nicht mehr zurückzugehen; zog nach Iwaki, zu einem ihrer Söhne, an den Rand der Sperrzone. 170 000 Menschen der Präfektur Fukushima landeten damals in einer der staatlichen Containersiedlungen am Straßenrand. Viele isolierten sich und trauerten, während ihr verlassenes Vieh in der Sperrzone verhungerte. Vor allem die Jungen haben sich heute neu arrangiert, haben einen neuen Job, ein neues Haus gebaut. Sie wollen ihre Kinder nicht der Strahlung aussetzen. Vielerorts sind die Werte immer noch viel zu hoch. Es bleiben vor allem die Alten, die keine Kraft mehr haben, sich ein neues eigenes Leben aufzubauen.

Allein gelassen

Unterdessen versuchte die Regierung in Tokio noch lange, so viel Unmut und Kritik wie möglich unter der Decke zu halten. Die atomfreundliche Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe erließ noch 2013 ein "Gesetz zum Schutz von Staatsgeheimnissen". Kritiker sahen darin einen Versuch, Berichterstatter über die Fukushima-Skandale einzuschüchtern: über die erhöhte Suizidrate und über Folgekrankheiten; über Einsamkeit und eine Multiplikation psychischer Störungen unter den Evakuierten. Vor allem aber: über die Pannen bei der Betreiberfirma Tepco und den zuständigen Ministerien in jenem verhängnisvollen März 2011.

Ordentlich bezahlte Jobs sind seit jeher rar in der strukturschwachen Präfektur Fukushima. Ein Grund schon damals, warum Tepco dort Ende der 60er Jahre das Kraftwerk Daiichi ("Fukushima I") errichtete. Manche der einstigen Bauern in und um die 20-Kilometer-Zone haben heute eine neue, wenn auch unfreiwillige Einkunftsquelle: Große Agrarflächen hat Tepco gepachtet. Hier in den Dörfern werden zu Hunderttausenden die berüchtigten Plastiksäcke gestapelt. Monolithische Deponien mit jener Erde, die den Bewohnern einst so wichtig gewesen ist. Seit Jahren wird der verseuchte Boden systematisch abgetragen und verpackt.

Einen sicheren Ort für so viel radioaktives Material kann es nicht geben. So ist die verbotene Zone zum Land der schwarzen Säcke geworden. Die Folgearbeiten könnten Schätzungen zufolge noch 30 bis 40 Jahre dauern. Und: Die Krume wird zwar überall dort beseitigt, wo Menschen leben – doch immer nur genau bis zum Dorfrand. Früher gingen die Bewohner in angrenzenden Wäldchen Pilze oder Kräuter sammeln. Vorbei. Und jeder Starkregen spült neue Erde von höheren Lagen herunter.

Viele Baufirmen, in den ersten Jahren nach der Katastrophe eifrig mit Neubauten und mit dem Abtragen des verseuchten Bodens befasst, haben ihre Leute mittlerweile aus der Region abgezogen – oder ihre Preise massiv erhöht. Denn mit Olympia 2020/21 in Tokio winkte ein noch lukrativeres Geschäft. Wenn die Bagger schweigen, ist es stiller geworden in der Region Fukushima. Die Kinder sind weg; die Alten bleiben. "Junge Pflanzen können wieder neu wachsen, auch in anderer Erde", sagen sie hier. "Sie sind stärker als der alte Baum, den man verpflanzt."

(kna) 

Noch 30 bis 40 Jahre werden die Folgearbeiten der Reaktorkatastrophe 2011 in Fukushima dauern. In schwarzen Säcken lagert die von Baggern abgetragene, verseuchte Erde. Einen sicheren Ort kann es für so viel radioaktives Material nicht geben.
Yoshiku Amano lebte sieben Kilometer vom Reaktor entfernt.
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