Neuseeland
Hoffnung aus Stein, Liebling aus Pappe

Erinnerung an die Katastrophe: Die zerstörte Kathedrale von Christchurch
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Sieben Jahre nach dem Erdbeben im neuseeländischen Christchurch soll die alte Kathedrale wieder aufgebaut werden.
Von Katrin Schreiter

Ohne Michaela Lewin gäbe es bei der Stadtrundfahrt nicht viel zu sehen. Die 24-Jährige regelt mit Warnweste, Schlüssel und Schloss den Schienenverkehr in der City von Christchurch in Neuseeland. Die roten Bahnen, mit denen die Touristen
durch die Innenstadt fahren, müssen warten – erst wenn Lewin das Gittertor zur City geöffnet hat, geht es weiter. Überall sind hier die Spuren des verheerenden Erdbebens vom Februar 2011 noch sichtbar. Ganze Areale sind abgezäunt, die ohne Weiteres nicht betreten werden dürfen.
185 Menschen kamen damals ums Leben. Michaela Lewin erinnert sich oft an den Tag der Katastrophe: »Plötzlich schoss das Wasser vom Avon River in die Höhe, ich hörte immer wieder Glas splittern, und es roch überall nach Gas. Das Handynetz war überlastet, weil jeder wissen wollte, wie es seiner Familie ging«, erzählt sie.
Neben schmucken Neubauten prägen sieben Jahre später immer noch abgestützte Gebäude und riesige Baugruben das Bild der City. Auch die Kathedrale – Christchurchs bekanntestes Gebäude – erinnert unübersehbar an die Katastrophe. Wie ein aufgerissenes Maul klafft ein dunkles Loch dort, wo einst eine verzierte Fassade das neogotische Gotteshaus schmückte.
Doch das soll sich nun ändern. Die Synode der anglikanischen Diözese von Christchurch hat Ende 2017 beschlossen, dass die Kathedrale wieder aufgebaut wird. Die Kosten werden auf umgerechnet etwa 60 Millionen Euro geschätzt. Es war eine Entscheidung, die lange gedauert hat.
»Die Kathedrale ist unser Wahrzeichen«, sagt Caroline Blanchfield, Christchurchs Tourismusmanagerin. »Doch wir mussten beim Aufbau der gesamten Stadt mehr als nur dieses Kirchengebäude im Blick behalten.«
Ursprünglich wollte die anglikanische Kirche die wohl bekannteste Ruine der neuseeländischen Südinsel komplett abreißen und an dieser Stelle eine neue Kathedrale errichten – den Wiederaufbau bezeichnete sie als zu teuer. Dagegen aber protestierten verschiedene Gruppen, unter anderem eine Bürgerinitiative, die vor allem auf die Bedeutung des Gebäudes als Touristenattraktion hingewiesen hatte.
Auch Michaela Lewin freut sich über den Beschluss zum Wiederaufbau. »Die City ohne die Kathedrale – das ist für mich undenkbar«, sagt die junge Frau. »Ich hoffe allerdings, dass uns die schöne Papp-Kathedrale erhalten bleibt.«

2013 war aus Pappe, Holz und Stahl ein Notfall-Gebäude errichtet worden. Die Cardboard-Cathedral des japanischen Architekten Shigeru Ban ist für die meisten schon längst keine Übergangslösung mehr: Die Kirchgänger schätzen vor allem die freundliche Atmosphäre, die den großzügigen, lichtdurchfluteten Neubau umgibt.
Das Design ist schlicht und gleichzeitig einladend. Wellenförmig lenken die Papprollen, die das transparente Polykarbonat-Dach stützen, die Aufmerksamkeit zu Kreuz und Altar. Und obwohl der Raum bis zu 700 Besucher fassen kann, bietet er gleichzeitig ein Gefühl von Intimität. Umfragen zeigen, dass viele Bewohner von Christchurch die Ersatz-Kathedrale ins Herz geschlossen haben. Eine Entscheidung über ihre Zukunft ist noch nicht gefallen.
Eine Querstraße entfernt erinnert eine ungewöhnliche Installation an die Toten des Erdbebens: Wie in einem kleinen Open-Air-Saal sind 185 weiße Sitzgelegenheiten hinter- und nebeneinander aufgestellt. Hocker und Sessel, Holzstühle und Kindersitz laden die Besucher ein, Platz zu nehmen, zu gedenken, zu verweilen – und vielleicht einen Blick auf das spitze Dach der Cardboard-Cathedral zu werfen, das sich wie ein hoffnungsvoller Fingerzeig in den Himmel streckt.
Optimismus bestimmt bei aller schmerzhaften Erinnerung die Atmosphäre in Christchurch. Neue Gebäude wie die Art Gallery zeigen sich in gelungener Architektur, bunte Graffiti schmücken baufällige Mauern, große Plakate künden von der geplanten Stadtgestaltung, die die Schäden des Erdbebens endgültig verschwinden lassen soll.
Auch Michaela Lewin ist zuversichtlich: »Es wird nicht mehr lange dauern«, sagt sie, »und Christchurch wird die schönste Stadt in ganz Neuseeland sein –
dann vielleicht mit zwei ganz unterschiedlichen, aber prächtigen Kathe-
dralen.« (epd)

Erinnerung an die Katastrophe: Die zerstörte Kathedrale von Christchurch
Übergangslösung: Die Pappkirche von Christchurch

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