Blickwechsel
Ecuador: Zuerst unzählige Tote, nun unzählige Bettelnde

Eine lange Autoschlange wälzt sich zum Parque Metropolitano im Norden der ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Am ersten Samstag nach zehn Wochen in Quarantäne mit strenger Ausgangsperre von 14 Uhr bis 5 Uhr morgens zieht es zahlreiche Familien der Mittelschicht ins Freie. Seit Anfang Juni gelten in Quito erste Lockerungen, Parks sind wieder zugänglich, die meisten Geschäfte haben geöffnet.

Was für die einen Freiheit bedeutet, war für andere auch zuvor schon Notwendigkeit: Im Südteil von Quito, im Bezirk Magdalena neben der historischen Altstadt, herrsche bereits seit Wochen reges Treiben auf der Straße, sagt Pfarrer Martin Schlachtbauer. «Die Menschen müssen verkaufen, sie müssen ja von irgendetwas leben.» Der katholische Geistliche betreut seit rund 20 Jahren bedürftige Familien, die nicht sozial abgesichert sind. Nun verteilt er vor allem Lebensmittelpakete. «Die Regierung hat diese Menschen doch gar nicht auf dem Schirm», betont er.

Die Corona-Krise trifft das kleine südamerikanische Land hart. Anfang April sorgten chaotische Zustände in Guayaquil mit zahlreichen Toten auf der Straße, die nicht beerdigt wurden, weltweit für Schlagzeilen. In der Hafenstadt habe sich das Virus extrem schnell verbreitet, erklärt der Epidemiologe Tomás Rodríguez. In den ersten Wochen hätten die Seuchenkontrollen versagt, das Gesundheitssystem sei nicht vorbereitet gewesen und komplett zusammengebrochen. Mittlerweile gehen die Infektionen in der Hafenstadt wieder zurück. Rodríguez schätzt, dass sich rund 70 bis 80 Prozent der etwa 2,5 Millionen Einwohner infiziert haben, und rechnet in der Provinz mit etwa 10 000 Toten. Diese Zahl liegt deutlich über den offiziellen Daten der Regierung, wonach es landesweit mehr als 44 000 bestätigte Coronafälle und mehr als 3700 bestätigte Todesfälle durch Covid-19 gibt. In Quito steigt die Zahl der Infizierten weiter leicht an, doch laut Rodríguez kommt die Hauptstadt wohl mit einem blauen Auge davon.

Positiv hebt der Mediziner das Verhalten der indianischen Urvölker hervor. In der Gemeinde Alausí im Süden des Landes habe es nicht geheißen «Bleibt zu Hause», sondern «Bleibt in der Comunidad». Die Isolation einzelner Dörfer zum Schutz vor Corona bestätigt auch der indigene Dachverband Conaie. So sei die Produktion der Lebensmittel weiter gewährleistet geblieben. Die Gefahr einer Unterversorgung mit Nahrungsmitteln habe trotz der schweren Finanzkrise Ecuadors nie bestanden, betont Rodríguez.
Wirtschaftlich geht es für das von Ölexporten abhängige und schwer verschuldeten Land aber weiter bergab. Die Quarantäne hatte die Wirtschaft fast drei Monate komplett lahmgelegt. Die Regierung unter dem ursprünglich linksgerichteten Präsident Lenín Moreno fährt seit Monaten einen harten Sparkurs. Mitte Mai kündigte er weitere Maßnahmen an, die vor allem im öffentlichen Sektor Arbeitsplätze kosten.

Die Zunahme der Arbeitslosigkeit und der informellen Arbeit sieht auch Pfarrer Schlachtbauer als das zentrale Problem. Er hat in den letzten Wochen beobachtet, dass deutlich mehr Menschen in Magdalena betteln müssen. In einem Ausmaß, das es vor Corona nicht gab.
Regine Reibling (epd)

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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