Vor 70 Jahren
Militärhistoriker: Wiederaufrüstung hat viele entsetzt
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Im Januar 1956 traten die ersten Bundeswehr-Freiwilligen ihren Dienst an. Warum die Wiederbewaffnung damals heftig umstritten war, erläutert der Potsdamer Bundeswehr-Historiker Martin Rink.
Potsdam/Wilhelmshaven (epd). Die deutsche Aufrüstung war nach Ansicht des Militärhistorikers Martin Rink schon bei der Gründung der Bundeswehr vor 70 Jahren umstritten. «Das Grauen des Krieges war vielen noch präsent», sagte der Historiker vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam dem Evangelischen Pressedienst (epd). «Von den 1918 bis 1923 geborenen Männern hatten drei Fünftel den Krieg überlebt. Die Vorstellung, dass aus diesen Jahrgängen wieder rekrutiert werden soll, hat viele Bürger entsetzt.»
Nach dem Nato-Beitritt der Bundesrepublik im Mai 1955 und der Gründung der Bundeswehr im November traten am 3. Januar 1956 die ersten Marine-Freiwilligen in Wilhelmshaven ihren Dienst an, darunter viele Kriegsveteranen. Die ersten Freiwilligen der Luftwaffe und des Heers waren am Tag zuvor im nordrhein-westfälischen Nörvenich und im rheinland-pfälzischen Andernach eingerückt.
Die Debatte wurde wesentlich durch den offen zutage tretenden Ost-West-Konflikt bestimmt, wie Rink erläuterte: «Aus dem Aufbau der paramilitärischen Kasernierten Volkspolizei der DDR und durch den Koreakrieg ergab sich eine deutliche militärische Bedrohungswahrnehmung.»
Gleichwohl war die Wiederbewaffnung im Bundestag umstritten. «Inbesondere viele Sozialdemokraten fühlten sich einer pazifistisch-antimilitaristischen Tradition verpflichtet», sagte der Historiker. «Zudem argumentierten viele Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern, dass mit der Wiederbewaffnung die Chance auf eine Wiedervereinigung Deutschlands dramatisch sinke.» Dennoch beschloss der Bundestag im Sommer 1956 die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. «Denn schließlich war klar, dass die geplante Truppenstärke von 500.000 Mann kaum allein mit Freiwilligen zu erreichen war.»
«Die Frühphase des Kalten Krieges stand damals unter dem Eindruck der Bedrohung für die westliche Demokratie durch die Sowjetunion», führte Rink aus. Er warnte jedoch davor, Russland als «ewigen Gegner» zu sehen. «Dagegen spricht schon das preußisch-russische Bündnis in den Befreiungskriegen gegen Napoleon, das auch in der DDR stark akzentuiert wurde.» Der Historiker erinnerte außerdem an die geheime Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Sowjetarmee der 1920er Jahre beim Aufbau einer Panzer- und Luftwaffe.
Einen Markenkern der Bundeswehr bildet Rink zufolge die Philosophie der «Inneren Führung». Die bundesrepublikanische Armee fordere von ihren Soldaten neben Gehorsam auch das Eintreten für die Demokratie und ein freiheitliches Denken aus innerer Überzeugung.
Dieser Anspruch gerate gelegentlich in Gefahr, durch ausufernde Bürokratie und immer kleinteiligere Regelungen. Die Aufgabe bleibe, «die Gewichte zwischen militärischer Ordnung und dem Dienst an der Demokratie immer wieder neu auszutarieren».
Autor:Online-Redaktion |
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