Bischof: Schweigevorwurf ist eine Lüge
"Wir sind himmelreichsrelevant"

Jahrestag: Am 7. September, ein Jahr nach seiner Einführung, hielt Landesbischof Friedrich Kramer in den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg einen Vortrag zum Thema "Kirche und Diakonie in Mitteldeutschland". Im Haus Mechthild traf er auch die Diakonissen Rosemarie Bohling (l.) und Barbara Kroner.
  • Jahrestag: Am 7. September, ein Jahr nach seiner Einführung, hielt Landesbischof Friedrich Kramer in den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg einen Vortrag zum Thema "Kirche und Diakonie in Mitteldeutschland". Im Haus Mechthild traf er auch die Diakonissen Rosemarie Bohling (l.) und Barbara Kroner.
  • Foto: Edda Weise
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Krisenmanagement: Die Kirchenleitung wurde in den vergangenen Monaten mit viel Kritik, aber auch Lob konfrontiert. Willi Wild hat Landesbischof Friedrich Kramer um seine Einschätzung gebeten.

Was macht der Weinberg?
Den Weinberg habe ich auf Grund von Corona in diesem Jahr mit meiner Frau etwas mehr bearbeiten können als sonst. Und dann zeigt dir Gott: Alles hängt an seiner Gnade. Nach der „Kalten Sophie“ sind zwei Drittel der Blüten erfroren, aber dann doch wieder ausgetrieben. Jetzt haben wir Trauben, die reif sind, und Trauben, die gerade erst anfangen zu reifen.

Kommen wir zum Weinberg des Herrn. Wie fällt die Bilanz nach einem Jahr aus?
Ich habe Freude an den Begegnungen und an den Aufgaben im Weinberg des Herrn. Ich erlebe so viele großartige, engagierte Menschen in unserer Kirche. Das ist wunderbar. Durch Corona ist auch vieles beschwerlich, manches bipolar, aufgeregt oder ängstlich geworden. Und da merke ich ganz deutlich, wie wichtig die Funktion des Bischofs ist, die Gemeinschaft zusammenzuhalten oder auch den Kopf hinzuhalten und Blitzableiter zu sein. Das gehört alles dazu. Ich bin gerne in diesem Amt und staune, wie schnell das Jahr vorübergegangen ist.

Es gab und gibt harsche Corona-Kritik auch aus den eigenen Reihen. Die Kirchenleitung habe die Gemeinden im Stich gelassen. Wie reagieren Sie darauf?
Ich komme viel herum in den Gemeinden, etwa wenn ich zum Abendgebet einlade. Da höre ich andere Töne. Uns wird gedankt, dass die Kirchenleitung ruhig und besonnen durch die Krise geführt hat. Und dann gibt es da auch vereinzelt laute kritische Stimmen, etwa dass wir uns den staatlichen Maßnahmen zu sehr angepasst haben. Oft lassen sich diese Vorwürfe im Gespräch relativieren. Aber überwiegend werden mir andere und oft ganz praktische Fragen gestellt.

Welche?

Wann wieder im Gottesdienst gesungen werden kann, oder wie Abendmahl derzeit gefeiert werden soll.

Was antworten Sie?
Wir haben im Krisenstab nach einer Phase der zentralen Steuerung durch die ersten Wochen die Empfehlung gegeben, dass diese Fragen nun in den Kirchenkreisen regional geklärt werden.
Was den Gesang anbelangt, denke ich, dass die Einhaltung der Hygieneregeln ausreichend Schutz gibt, um in unseren großen Kirchen wieder gemeinsam zu singen, und ich habe das auch in den letzten Tagen bei vielen Gottesdiensten so erlebt. Aber, wie gesagt, es ist immer situationsabhängig.
Über das Abendmahl denke ich viel nach. Ich werbe dafür, mit Fantasie wieder in eine Praxis zu kommen, die in beiderlei Gestalt geschieht. Perspektivisch brauchen wir überall Einzelkelche und Gemeinschaftskelch gleichberechtigt nebeneinander. Es ist viel möglich dem, der sucht und Wege finden will.

Was sagen Sie zum Vorwurf, die leitenden Geistlichen hätten im Lockdown geschwiegen?
Kritik ist wichtig und gut, und es gibt viele Punkte, die zu diskutieren sind. Keine Kirchenleitung ist fehlerfrei. Aber pauschale und in der Diktion unprotestantische Vorwürfe sind rufschädigend für die Kirche und den Glauben. Sie dienen nicht der Erbauung der Gemeinde. Keiner der leitenden Geistlichen hat in der Krise geschwiegen. Im Gegenteil: Durch die digitalen Möglichkeiten sind alle Geistlichen von den Gemeinden bis in die Kirchenleitungen viel mehr gehört worden als sonst und waren nachweislich medial präsenter als zu anderen Zeiten.
Aber sie haben nicht das gesagt, was sich mancher erwartet hat. Sie waren auch nicht in Talkshows zu sehen. Aber dass sie geschwiegen hätten, ist eine Lüge.

Haben Sie zu lange gewartet, beim Staat die Zulassung zum Gottesdienst wieder einzufordern?
Nein. Wir haben im Osten als erste in Deutschland damit begonnen, wieder Gottesdienste zu feiern, weil uns das verantwortbar schien.

Man hat Ihnen auch vorgeworfen, dass Sie nicht die geistlichen Themen eingebracht hätten, die man von der Kirche erwartet.
Es ist so, dass einige ihre jeweiligen Erwartungen setzen und dann feststellen, dass dazu nichts gesagt wurde. Wir haben viele geistliche Themen eingebracht: Nächstenliebe, Geduld, Hoffnung, Tod und Auferstehung und sind unserem Auftrag nachgekommen. Interessanterweise sind wir von viel mehr Menschen gehört worden als sonst üblich. Mich haben viele positive Rückmeldungen von Gemeindegliedern und Kirchenfernen erreicht. Wer Ohren hatte zu hören, der konnte hören.
Theologisch betrachtet, ist für mich diese Krise keine Zeit der lauten Worte, sondern eine Zeit der Buße, der Stille und des Gebets. Die Corona-Zeit ist ein Bußruf, der uns mit ernsten Fragen konfrontiert: Bin ich bereit, getröstet zu sterben? Was hat Gott mit mir und uns vor? Wie machen wir als Gesellschaft weiter?

Wie fällt die selbstkritische Betrachtung der Situation im Lockdown aus?
Wir haben in der Frage der Seelsorge und Sterbebegleitung in den Alten- und Pflegeheimen öffentlich nicht gegen die Schutzmaßnahmen gesprochen. Aber natürlich haben wir uns mit dem Thema befasst und in einer der ersten Sitzungen des Krisenstabes beschlossen, Schutzkleidung für die Altenheim- und Krankenhausseelsorger zu bestellen. Aber diese ist erst vier Monate später eingetroffen.
Das lag uns schwer auf der Seele, und ich frage mich: Haben wir hier versagt? Im Hintergrund ist einiges passiert. Wir haben Passierscheine für Seelsorger besorgt, damit sie in Quarantänegebiete konnten, und klargestellt, dass Seelsorger in Krankenhäuser und Altenheime gehen können.

Es ist verständlich, dass Sie diese Anwürfe nicht kaltlassen. Wie gehen Sie damit um?
Ich höre erst einmal zu, weil ja auch immer etwas an der Kritik dran ist. Manches trifft mich auch persönlich, und ich spreche mit anderen darüber. Dann bete ich Psalmen und nehme dies mit vor Gott.
Es ist tragisch, dass die Kritik oft nicht geistlich gesprochen ist. Die Heilige Schrift sagt klar: Denk nach, bevor du sprichst, und schau, ob es auferbauend ist und ob es der Sache Jesu dient. Ein Nachtreten, wenn die Sachen gelaufen sind, führt zu nichts.

Könnte der Eindruck der Sprachlosigkeit vielleicht auch dadurch entstanden sein, dass die Kirche in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle gespielt hat?
Die Theologen sind wie viele andere nicht gefragt worden, wie man die Krise meistern kann. Das ist eine Schwäche der medialen und politischen Herangehensweise, die sich fast ausschließlich auf die Virologen bezogen hat. Wenn eine Krise alle Bereiche betrifft, dann sollten auch alle miteinander reden, da gehört die Kirche selbstverständlich dazu.
Unsere Verkündigung und Seelsorge, etwa im Umgang mit Ängsten, geistliche Begleitung, Solidarität und Gebet haben vielen in dieser Lage Halt geben. Wir sind vielleicht nicht systemrelevant im Sinne von Essen, Trinken, Müllabfuhr und Gesundheit, aber wir sind himmelreichsrelevant.

Welche Erkenntnis haben Sie aus der Corona-Krise für die EKM gewonnen?
Ich habe erkannt, dass wir eine lebendige Kirche sind. Digitale Formate sind entstanden, Briefe wurden geschrieben, Menschen haben einander angerufen Wir sind nicht in eine Schockstarre verfallen, sondern haben sofort reagiert. Das macht Mut für den weiteren Weg unserer Kirche.

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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