Schwerter zu Spaten

Ehemalige Bausoldaten betrachten die politischen Entwicklungen mit Sorge. Bereits 2019 wandten sie sich in einer in Wittenberg verabschiedeten Erklärung gegen den Missbrauch von Geschichte und sprachen sich für die Förderung gewaltfreier Konfliktbearbeitung aus. | Foto: EAT/Stephan Schack
  • Ehemalige Bausoldaten betrachten die politischen Entwicklungen mit Sorge. Bereits 2019 wandten sie sich in einer in Wittenberg verabschiedeten Erklärung gegen den Missbrauch von Geschichte und sprachen sich für die Förderung gewaltfreier Konfliktbearbeitung aus.
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In der Friedlichen Revolution kämpften Bausoldaten für die Einführung des Zivildienstes in der DDR – mit Erfolg. Heute wird über die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht diskutiert. Doch kann militärische Stärke die einzige Antwort sein, um nachhaltig Frieden zu schaffen? Die Evangelische Friedensarbeit sollte sich damit nicht abfinden.

Von Sebastian Kranich

„Es gibt nichts Sinnloseres, nichts Langweiligeres, als das Militär.“ Dieses Zitat von Heinrich Böll machte sich ein Proraer NVA-Unteroffiziersschüler Ende 1988 per Brief an mich zu eigen. Ebenso drücke der Folgesatz Bölls „genau“ das aus, was er denke: „Auch der Krieg erschien uns als nichts anderes als eine ungeheure Maschinerie der Langeweile, blutiger Langeweile.“ Obgleich weder mein Klassenkamerad noch ich – als Bausoldat im mitteldeutschen Chemiedreieck – die Kriegserfahrung Bölls teilten, war das Trauma der Weltkriege für uns so präsent, dass wir uns in dessen Schilderungen oder in die des französischen Politikers Henri Barbusse einfühlten.

Ihm antwortend zitierte ich aus Barbusses „Briefen von der Front“: „Du würdest es nicht für möglich halten, in welcher Unordnung und Zusammenhanglosigkeit über das Leben bestimmt wird, das wir hier führen. Es ist völlig idiotisch“. Nicht ohne aus der Viskoseproduktion in Wolfen hinzusetzen: „Wie sich die Zeiten wandeln!“

Wenn heute unter denen, die NVA und DDR noch erlebt haben, über Militarisierung diskutiert wird, lassen sich diese Erfahrungen kaum ausblenden: Die von der Großeltern- und Elterngeneration weitergegebenen Kriegs- und Nachkriegserlebnisse. Der Geruch der Vergeblichkeit in einem abgewirtschafteten Land mit einer maroden Industrie. Das Gefühl der Sinnlosigkeit von konventionellem Militär angesichts eines drohenden atomaren Supergaus. Die hohlen Phrasen von der Bedrohung durch den „Klassenfeind“ BRD.

Für Wehr- und Waffendienstverweigerer sowie christliche Jugendliche kommen Erfahrungen von struktureller Diskriminierung hinzu, die individuell erlebt wurden. Bausoldaten verrichteten Zwangsarbeit: Die Viskose-Anlage in Wolfen war in der NS-Zeit von „Ostarbeitern“ errichtet worden. Jetzt arbeitete dort an undichten Kesseln mit austretenden Gasen in meiner Wahrnehmung „außer Kubanern, Polen und Bausoldaten keiner“.

Zugleich war der Pazifismus unter diesen Bedingungen für viele eine klare Sache. Unter unangepassten Jugendlichen fand die Idee eines „Sozialen Friedensdienstes“ großen Wiederhall. In der Friedlichen Revolution kämpften ehemalige und aktive Bausoldaten erfolgreich für die Einführung des Zivildienstes in der DDR. Den Verfassungsentwurf des Runden Tisches schmückte das Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ als DDR-Staatswappen. Mit den Balkankriegen aber bekam der Traum vom „gemeinsamen Haus Europa“ erste Risse. Heute stehen wir ganz woanders.

In Zeiten aggressiver Geopolitik lautet die erste Antwort des Westens: Militärische Stärke zeigen. Deutschland erhöht die Verteidigungsausgaben massiv und möchte die stärkste Armee Europas schaffen. Dafür wirbt die Bundeswehr in einer teuren Imagekampagne neue Soldaten. Aber kann militärische Stärke die einzige Antwort sein? Um langfristig und nachhaltig Frieden zu schaffen, ist – neben Diplomatie – „Zivile Konfliktbearbeitung“ unabdingbar, wie sie auf dem Balkan von Akteuren wie Bärbel Bohley geleistet wurde.

Doch kürzt die Bundesregierung die Mittel für Krisenpräventionund Friedensförderung massiv. Ob daher die Vermeidung von Krieg und Gewalt noch ohne weiteres als „deutsche Staatsraison“ bezeichnet werden kann, ist fraglich. Evangelische Friedensarbeit darf sich mit diesem friedensethischen wie sicher-heitspolitischen Irrweg nicht abfinden. Verbunden mit dem Szenario der möglichen Wiedereinsetzung der Wehrpflicht ist zugleich ein neuer Zivildienst im Gespräch.

Ich habe im Herbst 1989 in Ausgangsuniform auf einem Plakat für „Zivildienst sofort“ demonstriert und nach der Entlassung aus der NVA freiwillig in einem Pflegeheim gearbeitet. Heute votieren Verbände und soziale Träger unterschiedlich.

Hierzu ist an Luthers Doppelthese zu erinnern: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Denn in ihr steckt die Grundfrage: Brauchen wir parallel zum Wehrdienst eine Dienstpflicht für Katastrophenschutz, für die Betreuung von Alten und Kranken, für sozial-ökologische Aufgaben?

Brauchen wir sie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt oder setzen wir auf Freiwilligkeit und Selbstmotivation? Auch hier hängt es mit unseren Erfahrungen und Überzeugungen zusammen, was wir Menschen zumuten oder zutrauen.

Der Autor ist Direktor der Ev. Akademie Thüringen.

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