EKD
Manfred Kock: Wir müssen weiter Kirche für das Volk sein

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und frühere rheinische Präses Manfred Kock in seinem Haus in Köln. Manfred Kock wird am 14. September 85 Jahre alt. Er war von 1996 bis 2003 Präses der​ rheinischen Landeskirche, von 1997 bis November 2003 stand er als EKD-Ratsvorsitzender an der Spitze der Protestanten in Deutschland.
  • Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und frühere rheinische Präses Manfred Kock in seinem Haus in Köln. Manfred Kock wird am 14. September 85 Jahre alt. Er war von 1996 bis 2003 Präses der​ rheinischen Landeskirche, von 1997 bis November 2003 stand er als EKD-Ratsvorsitzender an der Spitze der Protestanten in Deutschland.
  • Foto: epd-bild/Daniel Gruenfeld
  • hochgeladen von Katja Schmidtke

Die Kirchen werden nach Einschätzung des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Manfred Kock auch künftig eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen. Ihre Zukunft müsse aber eine gemeinsame sein, sagte der frühere Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland dem Evangelischen Pressedienst (epd). Kurz vor seinem 85. Geburtstag am 14. September äußerte sich der Theologe, der von 1997 bis 2003 oberster Repräsentant der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war, auch zur Klimadebatte, zum Afghanistan-Konflikt und zu den Herausforderungen der künftigen Bundesregierung.

epd: Sie sind seit fast zwei Jahrzehnten im Ruhestand, melden sich aber immer mal wieder zu aktuellen Themen zu Wort. Was brennt Ihnen aktuell auf den Nägeln?
Manfred Kock: Ich beschäftige mich derzeit viel mit der Frage, wie sich Kirche weiterentwickelt. Auch wenn wir zahlenmäßig weniger werden, ist die Volkskirche nicht am Ende, sondern wir sind nach wie vor Kirche für das Volk und können auch als Minderheit in die Gesellschaft ausstrahlen und etwas bewirken. Das hat zum Beispiel die Kirche in der DDR gezeigt, bis hin zu ihrem Beitrag zur friedlichen Revolution.

Was heißt Kirche für das Volk?
Kock:
Nach der Barmer Theologischen Erklärung ist es unser Auftrag, das Evangelium an alles Volk auszurichten. Es geht also nicht darum, nur diejenigen zu versorgen, die zur Kirche gehören. Wir sollten deshalb etwa bei der Einrichtung von Pfarrstellen weniger nach der Zahl der Mitglieder und mehr danach fragen, was vor Ort nötig ist.
Wichtig bleiben Gottesdienste, in denen die Tradition unseres Glaubens gelebt und weitergegeben wird. Auch für die säkulare Gesellschaft kann die Kirche viel beitragen. Ich glaube, dass der Philosoph Peter Sloterdijk irrt, wenn er meint, die Bibel sei reine Poesie und habe für die Gegenwart keine Relevanz. Wenn der biblische Gott keine Rolle mehr spielt, hängen wir an anderen Göttern - auch Herr Sloterdijk.

Wird eine kleinere Kirche ihre gesellschaftliche Rolle behalten?
Kock:
Mein Freund und Nachfolger als EKD-Ratsvorsitzender Wolfgang Huber hat mal gesagt, die Kirche sei immer in der Gefahr, sich selbst zu säkularisieren. Schon die Frage nach der Relevanz kann dazu führen, dass wir uns selbst verzwergen. Bei allen Zweifeln und Fragen bin ich fest davon überzeugt, dass der Weg des Glaubens an Jesus Christus richtig und notwendig ist und dass diese Welt die christliche Botschaft nach wie vor dringend braucht.

Was ist aktuell die größte Herausforderung?
Kock:
Zentral ist die Frage: Wie wird diese Welt zukünftig noch überleben können, was wird an Friedensarbeit und an Umweltarbeit notwendig sein? Die Trias Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ist noch immer die wichtigste Zeitansage.

In der Corona-Zeit wurden viele digitale Formate entwickelt. Ist die Zukunft der Kirche virtuell?
Kock:
Wir werden neue Techniken und Möglichkeiten sicherlich nutzen. Aber ich glaube nicht, dass sie persönliche Begegnungen ersetzen werden. Zu Geschwisterlichkeit gehört auch sinnliches Wahrnehmen und Erleben.

Sie haben sich als Präses und EKD-Ratschef stets um Fortschritte in der Ökumene bemüht. Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand - und was können die Reformbewegungen in der katholischen Kirche bewegen?
Kock:
Mir ist wichtig, dass wir in diesem Land nur eine gemeinsame christliche Zukunft haben und keine getrennte. Ein wichtiger Schritt war die gegenseitige Anerkennung der Taufe. Bei anderen Fragen wie dem gemeinsamen Abendmahl bleiben aber grundlegende Fortschritte aus, obwohl es theologisch gar keine Gegensätze mehr zwischen katholischer und lutherischer Vorstellung gibt. Der Grund ist das katholische Amtsverständnis. Das Weihepriestertum ist ein sakramentaler Irrweg. 
Bei uns Protestanten ist jeder Getaufte auch ein ordinierter Christ.
Inzwischen gibt es in der römischen Kirche eine Bewegung, die das hierarchische Amtspriestertum infrage stellt. Ich hoffe hier auf Fortschritte.

Sie haben die Bewahrung der Schöpfung als zentrales Zukunftsthema genannt. Denken Sie, dass nach der Bundestagswahl ehrgeizige Maßnahmen gegen den Klimawandel ergriffen werden?
Kock:
Es muss alles darangesetzt werden, dass dies geschieht.
Allerdings ist Deutschland lediglich für zwei Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Deshalb ist es noch wichtiger, dass die künftige Bundesregierung in Europa und weltweit Stärke in dieser Frage zeigt und mit Argumenten, Technik und Wissenschaft auf mehr Klimaschutz dringt. Auch bei anderen Themen wie der Corona-Pandemie ist internationales Vorgehen entscheidend.

Hat die Flutkatastrophe Mitte Juli das Bewusstsein für notwendiges Handeln gegen den Klimawandel nachhaltig geschärft?
Kock:
Die allermeisten Menschen sind sehr nachdenklich geworden und begreifen die Zusammenhänge. Das lässt für die Art und Weise hoffen, wie künftig mit diesem Thema umgegangen wird. Auch hier spielt die Frage eine Rolle, ob wir meinen, wir könnten alles machen und beherrschen, oder ob wir aus einem Gottvertrauen heraus leben.

Welche anderen wichtigen Themen sollten nach der Wahl angepackt werden?
Kock:
Die kommende Regierung muss auch für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Wir leben in einer Zeit, in der die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Diese Schere darf nicht noch weiter auseinandergehen. Im Umgang mit Corona hoffe ich, dass es künftig wirklich bundesweit einigermaßen einheitliche und vergleichbare Maßnahmen gibt.

In Afghanistan sind nach dem Abzug der westlichen Truppen die radikalislamischen Taliban wieder an der Macht. Sie waren 2001 EKD-Ratsvorsitzender - mit den Anschlägen in den USA begann damals der Konflikt. Wie blicken Sie auf die Entwicklung zurück?
Kock:
In der EKD haben wir damals eine Beteiligung der Bundeswehr an einem Nato-Einsatz in Afghanistan nicht abgelehnt, sofern es eine Perspektive gibt, wie der Einsatz auch wieder beendet wird. Im Blick auf diese Perspektive ist leider zu wenig passiert. Es handelte sich zudem anfangs um einen Rachefeldzug der USA. Und es hat sich gezeigt, dass Rache keine Lösung ist. Auch der Irak-Krieg und der Syrien-Konflikt haben die Lage weiter verschärft. In jedem Fall ist die Frage weiterhin entscheidend für die Zukunft der Welt, ob und wie man einigermaßen friedlich miteinander leben kann. Nach den jüngsten Ereignissen wird man sicher noch etwas skeptischer auf Militäreinsätze in Konfliktregionen schauen müssen.

Autor:

Katja Schmidtke

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