Jahreslosung: Auslegung vom Kirchenpräsidenten
(K)ein Kampagnenslogan
- Kintsukuroi ist die japanische Kunst, zerbrochene Gegenstände mit Goldlack zu reparieren, um sie schöner zu machen. Aber es ist nicht nur eine Technik, sondern eine Philosophie, die einlädt, Unvollkommenheiten anzunehmen und Schönheit im Zerbrochenen zu sehen.
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Vor wenigen Wochen hat die Landessynode Anhalts das Strategiepapier „Anhalt 2035“ diskutiert und sich zu eigen gemacht. Es ist kein Optimierungspapier. Keines, das graduelle Änderungen hier und da für eine Zukunft hält.
Von Karsten Wolkenhauer
Es denkt die Gegenwart nicht im Konjunktiv, sondern erfrischend von der Zukunft her im Futur: „2035 wird Anhalt eine Landeskirche sein, die …“. Im besten Sinn ist das Szenario-Planing auf der Höhe moderner Zukunftsforschung. Nicht alles wird in 2035 anders sein. Und gewiss wird nicht erreicht werden, dass Alles für Alle neu wird. Denn das können wir Menschen gar nicht – aus Gründen.
Wird erst im Himmel alles anders werden? In den Schrecken der Zeit ist das stets ein Trost gewesen. So ist die Offenbarung von alters her verstanden worden: Als ein Trostbuch für das Ausharren der Gemeinde Jesu unter den teils grausamen Bedingungen dieser Welt. Die von Johannes adressierte Gemeinde war wohl Teil einer Gemeinschaft, die sich mit ihrer nichtchristlichen Umwelt arrangiert hatte. In einer politisch relativ stabilen Phase des Römischen Reiches. Aber die Erinnerung an Verfolgungen war noch lebendig. Den flavischen Kaisern gelang es, die Lage zu beruhigen und für Aufschwung zu sorgen. Kaiser Hadrianus lässt sich allerdings öffentlich und bis ins Private hinein als „göttlicher Retter und Schöpfer“ verehren – von allen Untertanen. Nicht umsetzbar für Christinnen und Christen. Jedenfalls nicht für alle.
Johannes wendet sich mit seiner Offenbarung, die nicht als Weissagungsbuch und Orakel verstanden werden darf, lediglich an sieben der Gemeinden in Kleinasien, vermutlich an Gleichgesinnte. Sie werden aufgerufen, auf gar keinen Fall der Mehrheitsgesellschaft und ihren Versprechungen zu erliegen. Hier kommt die Johannesapokalypse zu sich selbst: ein intensives Mahn- und Trostbuch. Nur durch vollständige Trennung von der Welt gäbe es die Möglichkeit, ein Teil jenes bald zu erwartenden neuen Himmels und der neuen Erde zu werden. All denjenigen, die sich als Christen und Heiden den Versuchungen der Gesellschaft ergeben, würde dieses Neue versagt bleiben! Der Text der Jahreslosung darf daher nicht so verstanden werden, dass für alle alles neu wird! Die wörtliche Übersetzung der Jahreslosung hilft: „Siehe, ich erschaffe alle Dinge als neue“. Gemeint war damit ausschließlich Gott, der für einen kleinen Kreis alles neu macht.
Erneuerungen, Veränderungen, Verbesserungen sind das eine, ALLES für ALLE und für ALLE Zeit NEU zu machen, das andere. Das schafft keine Ordnung, Gesellschaft, Idee und Gewalt. Hier sind wir in der Sphäre Gottes, und darin genau richtig. Der Text eignet sich daher kaum dazu, Innovationsfreundlichkeit zu bejubeln oder mutig mal etwas Neues auszuprobieren. So würde der Unterschied zwischen Gott und Mensch verwischt. Der Vorsatz der Jahreslosung „Gott spricht“ (oder näher am Text: „Gott sprach“) ist unterscheidend und entscheidend, um sich gegen Hybris, Genialität und Aktionismus abzugrenzen. „Siehe, ich mache alles neu" – das taugt nicht als Kampagnenslogan. Und bei „Alles Neu!“ sind wir ohnehin im grellen Wettbewerbs-Marketing der Versprechungen verloren.
" Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu."
Offenbarung 21, Vers 5
Offenbarung 21, Vers 5
Alles wird neu – das löst bei vielen Menschen Befürchtungen aus. Wenn nicht nur das Schlechte neu werden soll, sondern Alles, dann meint das doch: auch das Gute. Das, was mir lieb und teuer geworden ist. Das, was ich aufgebaut erreicht, bewahrt, geschaffen und geschafft habe. ALLES meint auch das, wofür nach unserem Ermessen bitteschön eine kleine Verbesserung irgendwann mal vollkommen ausreichend wäre. Und ganz ehrlich: Was ist nicht schon alles versucht worden an Verbesserungen? Und dadurch wirklich besser, lebensdienlicher, wirklich neu geworden? Eine große Müdigkeit hat sich als eine Innovationsfolge in kirchlichen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen breit gemacht.
Die Jahreslosung 2026 war der Text für das Begräbnis der großen Theologin Dorothee Sölle. Einen neuen Himmel und eine neue Erde zu sehen, eine andere Art zu denken, zu teilen, zu glauben, und all das selbst zu leben und unermüdlich zu vermitteln, das hat ihre Vision geprägt. Den Himmel auf die Erde zu holen, das hatte Sölle in Offenbarung 21 genau richtig gesehen. Die nun intensiv beginnende Arbeit mit dem Text der Jahreslosung tut gut daran, auf jegliche Phrasen zu verzichten und auf Parolen wie „Vorwärts und auf zur Neuwerdung von Kirche und Gesellschaft mit der Jahreslosung – Ran! (Ruckzuck alles neu)“. Auch gut gemeinte Erneuerungsrhetorik ist hier fehl am Platz. Die tröstliche Zusage Gottes an uns Menschen ist es, die in den Fokus gehört. Und dass seine Zukunft bereits unsere Gegenwart prägt. Wir sind neu geworden in der Taufe, wir werden neu durch ein Leben in der Nachfolge Christi. Altes ist bereits vergangen, Neues ist ja längst schon geworden (von Ferne grüßt Jesaja 43). #%Hier wird das Unterscheidende und stärkende Potential der Offenbarung wirksam: Aus der Zukunft neu geworden im Heute leben, mit der Perspektive der vollständigen Erneuerung von ALLEM und ALLEN!
Die „Zukunft ist ein Gefühl“, sagt die Zukunftsforscherin Florence Gaub derzeit auf vielen Podien. Sie hat Recht damit. Gott macht alles neu, das ist das tröstlichste, bergendste und aktivierendste Gefühl für die Gegenwart, die naturgemäß rasch Zukunft wird. Nur das Meer werde ich vermissen. Wenn es dann kein Meer mehr geben wird (Offb. 21,1), werde ich neu sein und diese tiefe erholsame Sehnsucht vermutlich irgendwie verschmerzen können.
Der Autor ist Kirchenpräsident der Ev. Landeskirche Anhalts.
Autor:Online-Redaktion |
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