Ausstellung zur Wittenberger Schmähplastik
Mitschuld benennen

Die Wittenberger Stadtkirche St. Marien. Sie war die Predigtkirche des Reformators Martin Luther. An der Traufe des Daches im Südosten des Gotteshauses ist die judenfeindliche Schmähplastik angebracht.  Seit 1990 wächst als Zeichen der Versöhnung eine Zeder vor der Kirche. | Foto: epd-bild /Jens Schlueter
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  • Die Wittenberger Stadtkirche St. Marien. Sie war die Predigtkirche des Reformators Martin Luther. An der Traufe des Daches im Südosten des Gotteshauses ist die judenfeindliche Schmähplastik angebracht. Seit 1990 wächst als Zeichen der Versöhnung eine Zeder vor der Kirche.
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Seit den 1980er Jahren setzt sich die Stadtkirchengemeinde Wittenberg mit einer judenfeindlichen Schmähplastik auseinander. Im November soll in der Kirche eine Dauerausstellung  eröffnet werden.

Von Thomas Nawrath

Wittenberg. Ab November soll eine Dauerausstellung zum judenfeindlichen Relief an der Wittenberger Stadtkirche Aufklärung und Einordnung bieten. Die Schau sei ab 10. November in der Sakristei der Stadtkirche zu sehen, teilten die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und die Evangelische Stadtkirchengemeinde am Donnerstag in Wittenberg mit. Kuratiert wird sie von der Judaistin Maren Krüger. Die 67-jährige Berlinerin war bis 2024 im Jüdischen Museum Berlin tätig.

Blick in die Sakristei der Stadtkirche, wo ab November 2026 die neue Ausstellung zu finden sein wird. | Foto: Thomas Nawrath
  • Blick in die Sakristei der Stadtkirche, wo ab November 2026 die neue Ausstellung zu finden sein wird.
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Gemeinsam sei ein Ausstellungskonzept erarbeitet worden, um die sogenannte Judensau-Darstellung historisch und theologisch einzuordnen sowie in der früheren Predigtkirche des Reformators Martin Luther (1483-1546) auch eine klare Distanzierung zu deren antisemitischer Botschaft zu präsentieren.

„eine schreckliche Verunglimpfung des Gottesnamens“


Viele Menschen wüssten nicht einmal, dass die Schmähplastik an der Kirche „eine schreckliche Verunglimpfung des Gottesnamens“ enthält, sagte Akademiedirektor Christoph Maier. Darüber solle mit der neuen Ausstellung in der Kirche auf moderne Art informiert werden. Doch das mittelalterliche Relief an der Fassade der bekannten Kirche habe ebenso mit der Gegenwart zu tun, ergänzte Kuratorin Krüger. So würden auch Ausgrenzung und Antisemitismus sowie das Ringen der Stadtkirchengemeinde um eine deutliche Distanzierung von den Aussagen des Reliefs thematisiert.

Kuratorin der neuen Ausstellung in der Wittenberger Stadtkirche: Die Berliner Judaistin Maren Krüger. | Foto: Thomas Nawrath
  • Kuratorin der neuen Ausstellung in der Wittenberger Stadtkirche: Die Berliner Judaistin Maren Krüger.
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Die Ausstellung selbst werde auf einem interaktiven Ausstellungselement präsentiert, welches wie ein großes Möbelstück quer in der Sakristei steht. Integriert werden ein Modell der Kirche, eine Hörstation, Infotafeln, ein Monitor und weitere Stationen. „Die zentrale Position im Raum bietet die Möglichkeit, dass Besucher der Ausstellung sich wahrnehmen und auch miteinander agieren“, sagte Kuratorin Krüger. So lasse sich die Ausstellung nicht nur als Bildungsort, sondern auch als Ort für Begegnungen und Austausch nutzen. Hier sei neben Schülergruppen auch an die Lehrerfortbildung gedacht.

Entwurf der Ausstellung in der Sakristei von St. Marien Wittenberg. Im Zentrum steht das Ausstellungsmöbel mit interaktiven Elementen. | Foto: Thomas Nawrath
  • Entwurf der Ausstellung in der Sakristei von St. Marien Wittenberg. Im Zentrum steht das Ausstellungsmöbel mit interaktiven Elementen.
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Bekannte antisemitische Darstellung

Die um 1300 entstandene Schmähplastik an der Wittenberger Stadtkirche gehört in Deutschland zu den bekanntesten antisemitischen Darstellungen des Mittelalters. 2022 hatte der Bundesgerichtshof eine Klage auf Abnahme des Reliefs abgewiesen. Seit 1988 gibt es vor Ort eine Bodentafel, die an den Holocaust erinnert. Diese wurde 2023 um eine Tafel der Kirchengemeinde ergänzt, die eine Vergebungsbitte enthält und die Mitschuld der Kirche an der Judenverfolgung benennt.

Mittelalterlichen Schmähplastik  an der Stadtkirche Wittenberg. Das Spottbild auf die jüdische Religion befindet sich seit etwa 1290 an der Südostecke der Stadtkirche St. Marien. 

Eine 1988 vor der Kirche eingelassene Bodenplatte und eine Stele mit Erläuterungen stellen die Plastik in einen distanzierenden Kontext.  | Foto: epd-bild /Jens Schlueter
  • Mittelalterlichen Schmähplastik an der Stadtkirche Wittenberg. Das Spottbild auf die jüdische Religion befindet sich seit etwa 1290 an der Südostecke der Stadtkirche St. Marien.

    Eine 1988 vor der Kirche eingelassene Bodenplatte und eine Stele mit Erläuterungen stellen die Plastik in einen distanzierenden Kontext.

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Diese Auseinandersetzung der Stadtkirchengemeinde seit mehr als vier Jahrzehnten solle in der Ausstellung und bei begleitenden Veranstaltungen ebenfalls thematisiert werden. Hätte man die Schmähplastik einfach beseitigt, dann wäre es vielen Gemeindemitgliedern wie eine nachträgliche Geschichtsfälschung vorgekommen, hieß es. Doch wäre weder das Unrecht gegenüber Juden im Mittelalter, zu Luthers Zeiten oder zur Zeit des Nationalsozialismus beseitigt worden. Hingegen sei auch die 1990 neben der Kirche gepflanzte Zeder ein lebendiges Zeichen gegen Judenhass und Ausgrenzung.

Stele "Stätte der Mahnung" mit Erläuterungen zur judenfeindlichen Schmähplastik an der Wittenberger Stadtkirche St. Marien. | Foto: epd-bild /Jens Schlueter
  • Stele "Stätte der Mahnung" mit Erläuterungen zur judenfeindlichen Schmähplastik an der Wittenberger Stadtkirche St. Marien.
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