Gut gemeint

Von Harald Krille

Eigentlich tut sie mir leid. Ilse Junkermann hat es doch nur gut gemeint, als sie in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur versuchte Verständnis dafür zu wecken, warum die Menschen in Ostdeutschland oft so garstig sind. So undankbar gegenüber den Segnungen der parlamentarischen Demokratie und unzufrieden mit den etablierten Parteien. Sie haben eben noch Nachholbedarf in Sachen Demokratie. Was ja verständlich sei nach 70 Jahren mit zwei Diktaturen, der atheistischen Erziehung und den Verunsicherungen in Folge der Friedlichen Revolution.
Und nun ergießt sich in den Kommentarfunktionen von Sendern und Zeitungen eine Flut vernichtender Kritik über die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Dabei ist es unbestritten, dass es in der ostdeutschen Gesellschaft und Alltagskultur bis zum heutigen Tag manche Verwerfungen gibt. Wie sie in anderer Form übrigens auch der real existierende Kapitalismus hervorbringt. Doch es ist offenbar ein Unterschied, durch wen und in welcher Form diese benannt werden. Ob es ein Psychotherapeut aus Halle, ein Theologe und SPD-Politiker aus Ostberlin oder eine aus den alten Bundesländern importierte Führungskraft ist.
Dabei hätte Junkermann gewarnt sein müssen. Schon kurze Zeit, nachdem sie 2009 Oberhirtin für die mitteldeutschen Schäfchen wurde, forderte sie die Opfer von Stasi- und DDR-Willkür auf, doch endlich zur Vergebung bereit zu sein. Ebenfalls in guter Absicht geäußert, schlugen ihr schon damals die hohen Empörungswogen der Betroffenen entgegen. Es scheint, als werde die in wenigen Monaten aus dem Amt scheidende Bischöfin vor allem als eines in Erinnerung bleiben: als personifizierte Verkörperung des Bonmots, nach dem das Gegenteil von gut nicht schlecht ist, sondern gut gemeint.

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