Das Ding muss weg!

Kirchensprengung: Die SED ließ in der DDR zahlreiche Kirchen zerstören – Bis heute gibt es Streit über den Umgang mit den Folgen.
Von Hans-Jürgen Röder

Das geschichtsträchtige Jahr 1968 ist reich an Anlässen, die einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis verdienen. Auch die Sprengung denkmalswerter Kirchen in der DDR gehört dazu. Ausgerechnet zwei Bauwerke von nationaler Bedeutung – die Garnisonkirche in Potsdam und die Universitätskirche in Leipzig – fielen vor nunmehr 50 Jahren der rigorosen SED-Kirchenpolitik zum Opfer.
Aus Leipzig ist überliefert, dass der damalige SED-Chef Walter Ulbricht bei einem Besuch in der Stadt seine Genossen angewiesen habe: Das Ding muss weg! Gemeint war die barocke Universitätskirche am zentral gelegenen Augustusplatz, der damals noch Karl-Marx-Platz hieß. Die ehemalige Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert war offenbar den Gestaltungsplänen der SED im Weg.

Narben schmerzen noch

Wie in Leipzig haben sich auch in Potsdam nach der friedlichen Revolution 1989 sehr schnell Menschen mit dem Ziel zusammengefunden, den durch die Sprengung entstandenen Frevel an den Kirchen durch Gedenktafeln dem Vergessen zu entreißen oder gar durch Wiederaufbau rückgängig zu machen. Für viele hatte die Sprengung ihrer Kirche eine Wunde gerissen, deren Narbe auch Jahrzehnte danach noch schmerzte. Dabei ließ die atheistisch geprägte SED-Kirchenpolitik keinen Zweifel an dem Ziel, Kirchengebäude und Symbole christlicher Existenz aus der Öffentlichkeit zu verbannen.

Kirchtürme unpassend

So beschloss die SED-Führung schon kurz nach Gründung der DDR »16 Grundsätze des Städtebaus«, in denen die historischen Kirchen keine Rolle mehr spielten. Und auch SED-Chef Walter Ulbricht ließ keinen Zweifel daran, dass für Kirchen in seiner Welt kein Platz war. Als Beleg dafür gilt seine markante Turmrede von 1953 in Eisenhüttenstadt, wo die damals neu errichtete Wohnstadt des Eisenhüttenkombinats Ost – wenige Wochen nach Stalins Tod – den Namen Stalinstadt erhielt. Der SED-Chef war dazu extra angereist und hatte bei der Namensweihe betont, dass es in dieser Stadt zwar Türme geben werde – etwa fürs Rathaus oder fürs Kulturhaus. »Andere Türme können wir in der sozialistischen Stadt nicht gebrauchen«, fügte er hinzu. Dass damit Kirchtürme gemeint waren, stand außer Frage.
Der Magdeburger Mediziner Tobias Köppe hat jahrelang zusammengetragen, was er an Informationen über Abriss und Sprengung von Kirchen im Bereich der ehemaligen DDR finden konnte, und im Internet veröffentlicht. Zusammengekommen ist eine Liste mit 58 Kirchen, die die SED zwischen 1947 und 1987 sprengen oder abtragen ließ. Festgehalten sind darin bislang vor allem große Stadtkirchen: in Dresden zum Beispiel, wo insgesamt zehn Kirchen dem Erdboden gleichgemacht wurden – darunter mit der gotischen Sophienkirche die älteste Kirche der Stadt, oder in Chemnitz, das auf gleiche Weise vier Kirchen verloren hat. Und auch in Rostock und Wismar, Dessau, Halberstadt oder Nordhausen ließ die SED Kirchen sprengen oder abtragen – auch hier meist ohne Einwilligung oder gegen den Willen der kirchlichen Eigentümer. Es gab damals deutliche Kritik und heftige Proteste gegen das Vorgehen der SED. Wie viele Menschen aufgrund ihres Widerstandes in Konflikt mit den Strafbehörden oder der Staatssicherheit geraten sind, lässt sich nur vermuten. Umso verständlicher ist, dass nach der Wiedervereinigung Initiativen entstanden sind, die den Wiederaufbau ihrer verlorenen Kirche eingefordert haben.

Vor dem Vergessen bewahren

Besonders umstritten ist bis heute der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam. Ähnlich heftig war und ist der Streit um den Wiederaufbau der Leipziger Universitätskirche, der Magdeburger Ulrichskirche oder auch der Sophienkirche in Dresden. Auch wenn die Absichten der jeweiligen Initiativen recht unterschiedlich sind – sie reichen vom Wiederaufbau der zerstörten Kirche bis zur Errichtung einer Gedenkstätte – gleichen sie sich doch in dem Ziel, Erfahrungen politischer wie kirchlicher Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren.

www.kirchensprengung.de

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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