Seelsorge im Werk
VW-Krise bedroht soziale Stabilität

Foto: pixabay/ TimoFlue

Der massive Stellenabbau beim Volkswagen-Konzern gefährdet aus Sicht der kirchlichen Wirtschaftsbeauftragten Laura Bekierman das Vertrauen in die Industrie. Unternehmen und Politik müssten den Wandel sozial verantwortlich gestalten.

Hannover/Wolfsburg (epd). Die Wirtschaftsexpertin der Landeskirche Hannovers, Laura Bekierman, fürchtet tiefgreifende soziale Folgen durch den Stellenabbau bei Volkswagen. Wenn industrielle Arbeitsplätze wegfielen oder ihre Zukunft unsicher werde, betreffe das «nicht nur einzelne Beschäftigte, sondern die soziale Stabilität ganzer Regionen», sagte die Beauftragte für Wirtschaft der Evangelisch-lutherischen Landeskirche. Die einstige Erwartung einer lebenslangen Beschäftigung und die damit verbundene Sicherheit trage nicht mehr.

Gerade in industriell geprägten Räumen schwäche die aktuelle Entwicklung das Vertrauen in Wirtschaft, Politik und gesellschaftliche Institutionen, betonte Bekierman. Dies werfe grundlegende wirtschaftsethische Fragen auf. «Wirtschaftlicher Erfolg darf nicht ausschließlich über kurzfristige Kostensenkung definiert werden.» Ein Wandel sei dann sozial verantwortlich, wenn auch die Menschen, ihre Qualifikationen und die Zukunft ganzer Regionen in den Blick genommen werde.

Bereits die Ungewissheit über die Zukunft des eigenen Standorts oder Berufsfelds übe erheblichen psychischen Druck auf die Beschäftigten aus, sagte Bekierman. «Besonders belastend ist dabei häufig nicht nur die Veränderung selbst, sondern auch das Gefühl, keinen Einfluss darauf zu haben.» Von den Unternehmen verlangte die Expertin deshalb eine frühzeitige Orientierung, echte Beteiligung und verlässliche Perspektiven für die Belegschaft.

Auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seien gefordert, sich weiterzubilden und Veränderungen aktiv zu begegnen. «Gleichzeitig darf Eigenverantwortung nicht mit Alleinverantwortung verwechselt werden», unterstrich Bekierman. Beschäftigte bräuchten Zeit und Unterstützung bei der Weiterentwicklung. Politik, Gewerkschaften und Kirchen könnten dazu beitragen, psychische Belastungen zu reduzieren und Beschäftigte handlungsfähig zu halten.

Auch der evangelische Pastor für Industrieseelsorge, Stephan Eimterbäumer, sieht die Stimmung am Stammsitz des Automobilbauers belastet. «Viele Beschäftigte sehen die aktuelle VW-Krise für das Unternehmen als ernster an, als die vielen anderen Krisen, die man in den Jahrzehnten schon gemeistert hat», sagte der Beauftragte für Arbeit und Wirtschaft des Wolfsburger Kirchenkreises. Entsprechend werde die Rüstungsindustrie von vielen im Raum Wolfsburg als ein Teil der Lösung des aktuellen Stellenabbaus gesehen.

Für manche Mitarbeiter sei der Einstieg in die Rüstungsproduktion auch eine Frage des Gewissens, ob sie ihre praktische und geistige Arbeit einem Rüstungsgut widmen wollten, sagte der Theologe. «Dabei habe ich die Überlegung gehört, dass die Fertigung militärischer Transportfahrzeuge als ethisch besser und weniger problematisch bewertet wird, als die Produktion von Waffen.» Einige Mitarbeiter hätten bereits Stellen beim Rüstungskonzern Rheinmetall in Unterlüß angenommen, was sie als Pendler gut erreichen könnten.

Derzeit sei nicht festzustellen, dass es wegen der aktuellen Krise verstärkt Seelsorge-Anfragen von Berufstätigen gebe, sagte Eimterbäumer, der die Beauftragung im Sommer dieses Jahres übernommen hatte. Die Beschäftigten reagierten je nach Alter, Arbeitsbereich und Persönlichkeit sehr unterschiedlich auf die Pläne des Konzerns. «Manche aus dem mittleren Alter haben Angst, weil sie einen hohen Hauskredit aufgenommen haben.»

Jüngere suchten nach neuen Stellen, andere verdrängten das Problem. Viele Ältere fühlten sich nicht betroffen, weil der Ruhestand in Reichweite sei, manche hätten eine Abfindung angenommen und Stellen andernorts gesucht. «Die Beschäftigten von Zulieferern und Ingenieurdienstleistern hat die Krise schon früher und stärker betroffen.»

Trotz der aktuellen Einschnitte sieht Bekierman Chancen für die betroffenen Standorte. Als Beispiel nannte sie das Ruhrgebiet, das sich Schritt für Schritt von einer Montanregion zu einer diversifizierten Wirtschafts- und Wissensregion gewandelt habe, auch wenn dieser Prozess langwierig und nicht überall erfolgreich gewesen sei. Sicherheit könne auch das Vertrauen bedeuten, eine Veränderung bewältigen zu können - und dabei nicht alleine zu sein.

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Online-Redaktion

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