Tim, der Kämpfer

Lebensfreude pur: Tim 2015 mit seiner Pflegemutter Simone Guido und der Schwester Melissa, die auch adoptiert wurde.
  • Lebensfreude pur: Tim 2015 mit seiner Pflegemutter Simone Guido und der Schwester Melissa, die auch adoptiert wurde.
  • Foto: epd-bild/ Detlef Heese
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Porträt: Der Junge, der als »Oldenburger Baby« bekannt wurde, überlebte seine Abtreibung und kämpfte um jeden Tag. Nun ist Tim im Alter von 21 Jahren gestorben.

Von Martina Schwager

Tim liebte Delfine. Die Bilder von den Therapien mit den Meeressäugern zeigen einen strahlend lachenden Jungen. Von den vielen Krisen, die er in seinem Leben gemeistert hat, ist in diesen Momenten nichts zu spüren. Als »Oldenburger Baby«, das am 6. Juli 1997 in einer Oldenburger Klinik zur Welt kam und eigentlich gar nicht leben sollte, wurde Tim bundesweit bekannt.
Nach einem misslungenen Schwangerschaftsabbruch führte Tim dennoch 21 Jahre lang in seiner Pflegefamilie in Quakenbrück bei Osnabrück ein glückliches Leben. Am 4. Januar ist er nach einem Lungeninfekt gestorben.
Als in der 25. Schwangerschaftswoche bei Tim das Down-Syndrom diagnostiziert wurde, sah sich die Mutter aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, das Kind auszutragen und entschied sich für einen Abbruch. Bei einer Spätabtreibung sterben die Kinder durch Medikamentengaben während oder kurz nach der Geburt – eigentlich.
Tim hat neun Stunden – in ein Handtuch gewickelt – ganz allein um sein Leben gekämpft. Erst dann kümmerten sich Mediziner um ihn. Die Ärzte gaben ihm nur ein oder maximal zwei Jahre.
Als Tim geboren wurde, hatten sich die Guidos gerade entschlossen, ein Pflegekind aufzunehmen. »Es sollte ein gesundes Mädchen sein«, erinnert sich Simone Guido. Doch sie nahmen Tim. Als sie ihn im Krankenhaus das erste Mal gesehen hätten, sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen.
Seine leiblichen Eltern konnten ihn nicht zu sich zu holen. Die Mutter ist wenige Jahre später gestorben, der Vater hat den Kontakt zur Pflegefamilie irgendwann abgebrochen. Bereut haben die Guidos ihre Entscheidung nie: »Wir führen ein glückliches Leben, ich kann mir kein besseres vorstellen«, sagte Simone Guido kurz vor Tims 18. Geburtstag.
Durch die Unterversorgung nach der Geburt hatte Tim weitere Behinderungen. Seine Füße hatten eine starke Fehlstellung. Er war Autist, konnte kaum sprechen. Viele Operationen waren nötig. Aber Tim hat es immer geschafft. »Er ist eben ein Kämpfer«, sagte seine Pflegemutter oft. Und er hat das Leben in der Großfamilie genossen. Die zwei leiblichen Söhne Marco und Pablo waren sechs und vier, als Tim geboren wurde. Nach Tim haben die Guidos noch zwei weitere Kinder mit Down-Syndrom in Pflege genommen: Melissa (18) und Naomi (14).
So hat Tim sich zu einem mutigen jungen Mann entwickelt, der sogar in eine heilpädagogische Werkstatt ging. Dort sollte er auf das Berufsleben vorbereitet werden. Aber dazu ist es nicht mehr gekommen. »Wir wissen noch nicht, wie wir den Verlust unseres einzigartigen, lebensfrohen Sohns verkraften sollen«, schreiben die Pflegeeltern auf ihrer Internetseite. Tim liegt in einem Bestattungshaus aufgebahrt und Familie, Freunde und langjährige Betreuer nehmen Abschied. »Vor allem Melissa und Naomi haben ihn schon oft besucht«, erzählt Simone Guido.
(epd)

Down-Syndrom
Anstatt der üblichen 23 Chromosomen-Paare weisen die Zellen der Menschen mit Down-Syndrom ein zusätzliches Chromosom auf: Das Chromosom 21 ist bei ihnen dreifach vorhanden. Kinder mit diesem genetischen Defekt sind in ihrer geistigen Entwicklung gestört.
Die Bezeichnung geht auf den englischen Arzt John Langdon Down (1828 bis 1896) zurück, der 1866 erstmals die Merkmale beschrieb. In Deutschland leben nach Schätzungen 50 000 Menschen mit dem Down-Syndrom.
Nach Angaben des Deutschen Down-Syndrom Infocenters führt die Zunahme pränataler diagnostischer Verfahren häufig zu der Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen.

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