Glaubenspraxis
Sinnsuche im Wald

Mein Freund, der Baum: Waldbaden stärkt das Immunsystem. Das haben japanische Wissenschaftler erforscht. Ein drei- bis vierstündiger Spaziergang im Wald wirkt sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System, die Atemwege und auf die Psyche aus.
  • Mein Freund, der Baum: Waldbaden stärkt das Immunsystem. Das haben japanische Wissenschaftler erforscht. Ein drei- bis vierstündiger Spaziergang im Wald wirkt sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System, die Atemwege und auf die Psyche aus.
  • Foto: Foto: epd-bild/Uli Deck
  • hochgeladen von Beatrix Heinrichs

Waldbaden liegt im Trend, gerade Menschen in Groß-städten suchen die Nähe zur Natur. Viele ziehen daraus spirituelle Kraft, einige sehen in der Naturerfahrung sogar eine neue Form der Glaubenspraxis. Ein Selbstversuch.

Von Silke Nora Kehl 

Wir stehen im Grunewald, uns umgeben Eichen, Buchen, Ahornbäume und Linden. Das Laub leuchtet in dem hellen, intensiven Grün des Frühlings. Noch ist der Lärm der Autobahn nahe der Ausfahrt Hüttenweg als entferntes Rauschen zu hören. Christine Douvier zieht mit ihrem Fuß einen Strich quer über den sandigen Weg. „Das ist eine Schwelle“, erklärt sie. „Hier lässt du den Alltag hinter dir zurück.“ Sie nimmt mir sogar meine schwere, sperrige Fahrradtasche ab, bevor ich über die Schwelle trete. Damit ich mich frei und unbelastet im Wald bewegen und ihn erfahren kann.
Für Douvier ist der Wald ein Erfahrungsraum: „Er ist mir Heimat und Verwurzelung. Ein Ort des Rückzugs und der Heilung.“ Die 49-jährige Erzieherin und Therapeutin bietet seit sechs Jahren sogenannte „Waldfühlungen“ an. „Wir Menschen sind Teil der Natur und damit ein Teil der Schöpfung“, sagt Douvier. „Das können wir hier im Wald leiblich spüren.“ Wir machen eine Übung, bei der wir die Füße fest auf den Boden stellen, die Augen schließen und ganz bewusst die Luft wahrnehmen. „Spüre die Luft, den leichten Wind auf deiner Haut, atme bewusst ein und aus. Und dann hör’ auf das leise Rauschen der Blätter. Sie sind von derselben Luft umgeben wie wir.“ Durch diesen Satz ändert sich plötzlich etwas. Mein Bewusstsein öffnet sich neu. Es berührt mich sehr, mich über die Luft mit den Bäumen verbunden zu wissen.
Den Wald mit allen Sinnen erfahren: Ähnlich wie beim japanischen Waldbaden, dem Shinrin-Yoku, geht es bei der Waldfühlung um mehr als einen Waldspaziergang und die damit verbundene Freude, im Freien zu sein. Es geht darum, sich auf die Natur einzulassen. Dazu gehört, den Wald mit möglichst allen Sinnen zu erfahren. Beim Streifen durch das Laub nehmen wir Moos und Erde in die Hand und riechen daran. Wir berühren die Stämme unterschiedlicher Bäume und nehmen ein zartgrünes Blatt zwischen die Finger. „Wir alle haben eine Sehnsucht danach, geborgen und angenommen zu sein, ohne etwas dafür leisten zu müssen“, meint Douvier. „In der Natur, bei Mutter Erde, können wir dieses Gefühl finden, denn hier werden wir nicht bewertet. Wir dürfen einfach sein – so wie wir sind.“

Verbindung mit dem Kosmos

In unserer hoch technisierten und digitalisierten Gesellschaft haben die meisten von uns diesen Bezug verloren. Gerade deswegen ist Douvier so wichtig, dass wir Menschen uns wieder in die größeren Zusammenhänge der Natur einfügen. Für sie persönlich habe dies auch eine spirituelle Dimension: „Religion bedeutet wörtlich Rück-Verbindung oder Rück-Anbindung an das große Ganze, an den Kosmos – aber auch an das eigene Mensch-Sein.“
Sich wieder rückverbinden mit der Natur und mit sich selbst – vielleicht umschreiben diese Worte auch das, was Alexander Janz am eigenen Leib erfahren hat. Er selbst nennt es „Resonanzerlebnis“, angelehnt an einen Begriff des Soziologen Hartmut Rosa. Janz war zum ersten Mal mit seinem kleinen Sohn Hugo in einem Wildniscamp für Väter und Söhne. Gemeinsam hatten die Väter am See eine Schwitzhütte gebaut. „Darin war es dunkel, eng und heiß. Wir hatten die Steine vorher auch selbst erhitzt, im Feuer. Das war schon toll“, erinnert er sich. Als er dann aus der Hütte herauskam und ins kühle Wasser sprang, habe er laut geschrien. Nicht allein wegen der plötzlichen Kälte, nicht allein aus einem körperlichen Impuls heraus. In seinen Schreien habe sich noch etwas anderes ausgedrückt: „Ich fühlte mich so eins mit dem Wasser, das war ein unglaubliches Erlebnis“, berichtet Janz.
Der 41-Jährige lebt mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern in Berlin-Friedrichshain. Über einen Flyer sei er vor gut drei Jahren auf das von der Auferstehungskirchengemeinde organisierte Programm „Kinder brauchen Matsch“ aufmerksam geworden, so Janz. Als er darin von dem „Mattis und Borkas Räuberlager“ – einem Camp für Väter und ihre Söhne im Alter von vier bis neun – las, sprach ihn das gleich an. „Es war und ist ein attraktives Angebot, sich als Vater aktiver in die Erziehungsarbeit einzubringen.“ Die Aussicht, gemeinsam mit anderen Männern und den Kindern Feuer zu machen, zu schnitzen und Holz zu hacken, habe ihn in die Natur gelockt.

Naturgewalten schweißen zusammen

„Und das Angebot an die Kinder war super, es hat Hugo sehr gefallen. Es wurden zum Beispiel Clans gebildet: die Raben, die Wölfe und die Adler, die dann im Wald unterwegs waren und auch mal im Wettbewerb gegeneinander standen.“ Das Verhältnis zu seinem Sohn habe sich durch die gemeinsamen Erfahrungen in der Natur vertieft, sagt Janz. „Im unbegrenzten Gelände müssen wir beide uns auf viel intensivere Weise auf­einander verlassen können als zu Hause. In der Natur – und nur dort – darf Hugo auch sein eigenes Schnitzmesser benutzen.“
Die beiden waren nun schon mehrmals in Wildniscamps, einmal überstand ihre Gruppe ein gefährliches Unwetter – „mit einem irrsinnigen Sturm, Regen und Stakkato-Blitzen“ –, das ihnen nachts das Zelt wegriss. So etwas schweißt zusammen. „Die Begegnung mit der Natur hat mein ganzes Leben verändert“, sagt Janz. Initiiert wurde das Programm „Kinder brauchen Matsch“ 2008 von Charles Sebastian Böhm, der als Gemeindepädagoge die Kirchen­gemeinden im Pfarrsprengel Friedrichshain-Nord betreut. „Uns ging es mit dem Programm um zwei große Aspekte“, erklärt Böhm. „Einerseits wollten wir Kindern die Natur erfahrbar machen, andererseits wollten wir inklusive Angebote schaffen.“
Den Begriff inklusiv fasse er sehr weit, so der 39-Jährige: „Unsere Camps und Fahrten richten sich an Kinder mit und ohne Behinderungen, an Familien mit unterschied­lichem sozialen Hintergrund – auch Eltern, die von Hartz IV leben, sollen mit ihren Kindern teilnehmen können – und an Familien mit und ohne Gemeindebezug.“ Das Interesse an Naturerfahrungs- und Wildniscamps habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen, sagt Böhm.

Lieber Gott in der Naturals in der Kirche

Neben den Angeboten für Väter und Söhne gibt es auch Camps für Mütter und Kinder oder für die ganze Familie. Stefanie Schanen war mit ihrem Sohn und ihrer Tochter im Camp der „wilden Mütter“ – ebenfalls einem Angebot von „Kinder brauchen Matsch“. „Wir haben im Wald das Anschleichen geübt. Eine andere schöne Übung war, mit verbundenen Augen der Trommel nachzulauschen“, berichtet die 37-Jährige. „Weil die Tiere so gut hören können, wollten auch wir bewusst unseren Gehörsinn schärfen.“ Übernachtet wurde in Zelten, direkt neben einer Schafweide.
Schanen lebt in Pankow und gehört zur Gemeinde der alten Pfarrkirche „Zu den vier Evangelisten“. Die Naturerfahrungs-Camps haben sie so begeistert, dass sie nun selbst eine Ausbildung zur Wildnispädagogin absolviert hat. Ihren Job als Ingenieurin im Automobilbereich hat sie aufgegeben. „Da hat einfach einiges nicht mehr gepasst“, sagt sie. Nicht nur beruflich hat sie sich neu orientiert. Nachdem sie zwölf Jahre lang Kindergottesdienste gemacht und sich aktiv in der Gemeinde engagiert hat, liege ihr neuer Fokus nun darauf, das Göttliche in der Natur zu finden. „Das entspricht meinem Rhythmus gerade mehr als Gottesdienst-Formate.“
Christine Douvier, die als Wildnispädagogin und Jägerin die Nahrungsketten und Lebenszyklen der Pflanzen und Tiere gut kennt, bezeichnet die Natur als „unfassbar weise“. Alles habe einen festgefügten Ablauf, jeder noch so kleine Schritt habe seinen Sinn. „Und wir als Menschen stehen nicht außerhalb dieser Abläufe, wir sind ein Teil dessen.“

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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