Andacht
Was trägt mich, wenn die Füße den Boden verlieren?

Foto: pixabay.com

Die Andacht wurde in abgewandelter Form für Soldatinnen und Soldaten im Kletterpark gehalten zusätzlich zu einer inhaltlichen ethischen Stationenarbeit zum Thema: Was trägt mich? 

Liebe Mitmenschen!

Vor mir liegt ein Karabiner. Ein kleines Stück Metall, mehr nicht. Und doch hat dieses unscheinbare Stück Stahl heute Menschen getragen – junge Soldatinnen und Soldaten, die ihren Lehrgangsabschluss mit einem Tag im Kletterpark begehen. Eine Gelegenheit, miteinander zu überlegen: Was trägt mich eigentlich, wenn der Boden weg ist? Im Kletterpark hängen Menschen an einem Seil, das Seil hängt an diesem Karabiner, und der Karabiner trägt ihr ganzes Gewicht. Vor allem aber vertrauen sie ihm. Das ist erstaunlich, wenn man darüber nachdenkt. Wir vertrauen einem Karabiner nicht, weil wir ihn besonders gut kennen oder weil er uns etwas verspricht. Wir vertrauen ihm, weil er hält. Weil er genau dafür gebaut ist. Weil jemand ihn vor uns geprüft hat und weil unzählige Menschen vor uns ihm bereits ihr Leben anvertraut haben.

Ich begleite als Seelsorgerin junge Soldatinnen und Soldaten durch die Wochen ihrer Lehrgänge in der Kaserne, etwa zum Unteroffizier oder zum Feldwebel. Drei Monate fern von ihrem Zuhause; manche kommen vom anderen Ende der Bundesrepublik, bunt gemischt aus allen Teilen des Landes. Es gibt sportliche Übungen, Rechtskunde, die Ausbildung im Gelände und vieles mehr – denn diese Menschen werden einmal andere anleiten und große Verantwortung tragen. Die Ausbilder tragen diese Verantwortung schon jetzt. 

Während der Märsche mit vollem Gepäck gibt es vielleicht Augenblicke, in denen die Beine nicht mehr wollen und eine leise Stimme flüstert: „Das schaffst du nie." Und ich sehe: Da steht ein Mensch daneben. Ein Ausbilder mit einer klaren Anweisung. Ein Kamerad mit einem „Komm, der nächste Kilometer geht noch, Schritt für Schritt." Auch das sind Karabiner. Gemeinsam hängen Menschen nicht im Leeren. Sie geben sich Sicherheit. 

Mich beschäftigt dabei noch eine größere Frage. Was ist mit dem Halt, der hinter all diesen kleinen Sicherungen liegt? Mit der Kraft, die einen Menschen so formt, dass er für andere zum Halt werden kann? Mit der Kraft, die jeden Morgen unser Herz schlagen lässt und uns den Atem gibt? Wer oder was trägt mich in meinem tiefsten Inneren?

Meine Antwort ist: Gott. Ein Vertrauen, so grundlegend wie das Vertrauen in einen Karabiner. Beim Propheten Jesaja steht eine Zusage, die viel Kraft enthält: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit" (Jesaja 41,10).
„Ich halte dich." Dieser Halt fragt nicht, ob wir ihn verdient haben. Er trägt – einfach, jetzt, in diesem Moment. Unabhängig davon, wie sicher oder wie müde, wie mutig oder wie zweifelnd wir gerade sind. Ein Karabiner diskutiert nicht und urteilt nicht. Er hält.

Es gibt viele Halteseile im Leben: den Menschen neben uns, die Familie, den eigenen Mut, das Grundgesetz, der eigene Glauben und manchmal schlicht die festen Stiefel an den Füßen. Über sie alle hinaus aber gilt eine Zusage, die größer ist als alle Vernunft: Wir sind nicht allein. Wir werden getragen und dürfen vertrauen. Für mich ist da ein unsichtbares Auffangnetz. Das hält! Diese Erfahrung wünsche ich uns allen! 

Es grüßt Sie 

Pfarrerin Denise Scheel

Autor:

Denise Scheel

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