Erinnerung an Friedrich Weißler
Ein Widerstandskämpfer und seine Familie
- Im September wurden 30 neue Stolpersteine in Magdeburg verlegt.
- Foto: Landeshauptstadt Magdeburg/Romy Buhr
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Trotz immer noch zunehmender Literatur über Friedrich Weißler (1891-1937) bleibt dieser gebürtige Jude, der zum ersten christlichen Märtyrer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurde, selbst unter Christen ein weithin Unbekannter.
Von Wilhelm Hüffmeier
Aber seit dem Nachmittag des 26. Septembers gibt es auch auf dem Gehsteig der Wilhelm-Raabe-Straße 9 in Magdeburg einen Stolperstein für den am 19. Februar 1937 im KZ Sachsenhausen brutal ermordeten juristischen Leiter der Kanzlei der Bekennenden Kirche der Deutschen Evangelischen Kirche in Berlin. Die Erinnerung an ihn kann nicht genug Stolpersteine, Gedenktafeln und -orte bekommen. An der Meiningenallee 7 in Berlin Neu-Westend, wo Weißler mit seiner Familie zuletzt wohnte, existiert zwar schon länger ein Stolperstein für ihn selber und ein weiterer für seine jüdische Mutter Auguste Weißler. Sie überlebte 83jährig die Deportation nach Theresienstadt im Juni 1943 nur um wenige Monate. Weiterhin erinnern Gedenktafeln am Haus Meiningenallee 7, im KZ Sachsenhausen sowie im seit 2008 nach Friedrich Weißler benannten Landgericht Magdeburg an diesen Widerstandskämpfer. Sein Name und Schicksal ist auch auf einem der sieben Stolpersteine eingraviert, die am 12. Mai vor dem Landgericht Magdeburg für sieben von dem Hitlerregime aus dem Amt gejagten jüdischstämmigen Richtern verlegt wurden. Demgegenüber fehlt ein Stolperstein in Halle, wo Friedrich Weißler den längsten Teil seines Lebens verbrachte, ab 1909 im Haus Alte Promenade 6, heute Universitätsring 6. Dort wohnte er ab 1922 bis zum Wechsel nach Magdeburg 1932 auch mit seiner Ehefrau Johanna, Pfarrerstochter aus Plossig, und der wachsenden Familie.
Auf dem Gehsteig der Magdeburger Wilhelm-Raabe-Straße sind es nun fünf Stolpersteine. Sie gelten nicht nur Weißler selbst und seiner jüdischen Mutter, sondern auch der Ehefrau und Ulrich und Johannes, den Söhnen. Sie alle mussten nicht nur den Tod des Sohnes, Ehemanns und Vaters mit erleiden, sondern blieben bis in den Krieg und das Kriegsende tödlich bedroht oder schwer belastet. Ulrich konnte in einem der letzten Kindertransporte im August 1939 nach England entkommen. Sein jüngerer Bruder Johannes musste, an verschiedenen Orten versteckt und noch 1944 zwangsrekrutiert für Bauarbeiten der Organisation Todt in Coswig, die Terrorzeit in Deutschland überstehen.
Wie schon im Frühjahr vor dem Magdeburger Landgericht, so gehörten am 26. September auch die beiden Enkel Weißlers, Kinder des Sohns Johannes, zu den ca. 30 Personen, die an der Einfügung der Stolpersteine teilnahmen. Dr. Bettina Weißler-Ried war extra aus Brasilien dazugekommen, ihr Bruder Wolfgang aus Höchstadt an der Aisch. Schon am Vorabend hatten die beiden in der nahe gelegenen Pauluskirchengemeinde, kurzfristig Weißlers Gemeinde, in einem Gesprächsabend vom Schicksal ihrer Familie berichtet und Fragen beantwortet. Beide konnten aus einem reichhaltigen Familienarchiv schöpfen, das auch dem 2016 verstorbene Vater Johannes für sein Büchlein „Die Weißlers“ (2011), Manfred Gailus für seine Biographie „Friedrich Weißler“ (2017) und zuletzt Julia Schilling für ihre Dissertation über Weißler als Richter und juristischer Schriftsteller (2023) diente.
Geflohen ins anonyme Berlin
Im Jahr 1891 in Oberschlesien geboren, wurde Weißler wie seine beiden älteren Brüder Otto und Ernst als Kleinkind christlich getauft und erzogen. 1914 in Halle zum Dr. jur. promoviert, war er wie sein Vater Adolf ein erfolgreicher Richter und Editor juristischer Standardwerke mit deutlich sozialer Einstellung. Doch 1932 kaum zum Landgerichtsdirektor in Magdeburg ernannt und von Halle dorthin umgezogen, wurden er und die Familie durch antisemitische Diskriminierung jäh gesellschaftlich isoliert. Sie flohen ins anonyme Berlin. Es folgt wie für unzählige Menschen jüdischer Herkunft die Entlassung aus dem Staatsdienst im August 1933. Eine Atempause wird der Familie 1934 durch die Anstellung des Vaters bei der Bekennenden Kirche gewährt. Zwei Jahre später dann die Verhaftung Weißlers durch die Gestapo aufgrund der Verdächtigung, die „Denkschrift“ der Bekennenden Kirche an Hitler 1936 an die ausländische Presse weitergegeben zu haben. Statt sich tatkräftig für ihn einzusetzen, distanziert sich die Leitung der Bekennenden Kirche von ihrem Chefjuristen. Schließlich wird Weißler in das KZ Sachsenhausen verlegt, wo ihn am 19. Februar 1937 zwei antisemitische Wächter nach übelsten Schmähungen als „Judenschwein“ und körperlichen Misshandlungen aufs grausamste ermordeten.
Für die Familie begannen schwere Jahre der Entbehrung. Doch dass die Enkel ihr Leben dem Überleben von Frau Weißler mit den Söhnen verdanken, ihre Worte am 26. September bezeugen die große Dankbarkeit dafür. Der Kreis auf dem Gehsteig der Wilhelm-Raabe-Straße ist jedoch klein. Kein Fenster der umliegenden Häuser öffnet sich, damit jemand sehe, was da geschieht. Irgendwie ein Zeugnis einstiger Gleichgültigkeit. Doch eine junge Frau erklärt, aus einem benachbarten Haus gekommen zu sein, um zu erfragen, was hier geschieht. Es ist eine Syrerin, die in Damaskus Architektur studiert hat und nun in Magdeburg arbeitet. Sie sagt, sie wolle auf die Steine achten. Jemand ergänzt: Noch wichtiger sei die proaktive Erinnerung gegen die Wiederholung von dem, was einst mit rassistischer Diskriminierung von Juden anfing, schließlich einen Weltenbrand verursachte und Millionen Juden wie Nichtjuden den Tod brachte.
Kraft in schwierigsten Zeiten
In einem Nachgespräch mit den Enkeln war zu erfahren, dass Johanna Weißler, die Frau von Friedrich Weißler, in ihren letzten Lebensjahren im Haus Ostpreußendamm 23a in Berlin Lichterfelde Ost gewohnt hat. Im Jahr 1978 verstarb sie und wurde auf dem Parkfriedhof Lichterfelde beerdigt. Erst nach der Wiedervereinigung konnten ihre sterblichen Reste auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf umgebettet werden, dort, wo ihr Mann nach seinem grausamen Tod am 25. Februar 1937 im Beisein einer großen Gemeinde, darunter NS-Schergen in Zivil und Uniform, beerdigt worden war und wo sein Grabstein mit dem biblischen Vers „Fürchte dich nicht, glaube nur“ (Lukas 8,50) von dem zeugt, was ihm Kraft und Hoffnung in schwerster Zeit gab. Nun hat der Autor dieser Zeilen, der unweit jenes Hauses am Ostpreußendamm wohnt, einen ganz eigenen Gedenkort an die Familie Weißler. Sein Wunsch ist es, dass auch in Halle, wo im Universitätsarchiv der Nachlass der Familie Weißler liegt und wo es mindestens drei Straßen gibt, in denen Friedrich Weißler zuhause war, ein Stolperstein an diesen vorbildlichen Mann der Jurisprudenz und des Kirchenrechts erinnert, den der staatlich geförderte antisemitische Hass tötete. Dazu bedarf es vielleicht wie in Magdeburg einer „Städtischen Arbeitsgruppe ‚Stolpersteine‘“ für Halle.
Autor:Online-Redaktion |
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