Wort zur Woche
Nicht aussortiert
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Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Jesaja 42, Vers 3a
Ich lese diesen Satz, und es wird warm. Das geknickte Rohr, der glimmende Docht. Das klingt nach Trost, nach etwas zum Aufhängen über dem Sofa.
Von Karl Weber
Diese Wärme ist verdächtig. Ich kenne die Logik dieses Satzes sonst nirgends. Nicht aus den Nachrichten. Nicht aus Sitzungen. Nicht aus meinem eigenen Kopf. Sie ist mir so fremd, dass ich sie nur noch als Rührung aufnehme.
Ich höre, wie über Menschen geredet wird, und es geht immer darum, wer sich lohnt. Wer zu oft krankgeschrieben ist. Wer zu lange lebt und zu wenig eingezahlt hat. Wer arbeiten könnte und angeblich nicht will. Kostenfaktor. Belastung. Wörter aus der Buchhaltung, angesetzt auf Menschen. Und wenn gestrichen wird, heißt das Reform. Das Wort hat einmal Hoffnung getragen. Jetzt trägt es die Handbewegung, mit der man Unbrauchbares entsorgt.
Ich höre das, und ich merke: Ich rechne mit. Beschädigt und wertlos. Zwei Dinge, unaufhörlich verwechselt. Jesaja kennt eine andere Logik. Und sie trifft dich. Mitten in deinem Leben.
Denn: Irgendwann bist du das geknickte Rohr, der Docht, der nur noch glimmt. Durch Krankheit. Durch Scham. Durch eine Liebe, die zerbrochen ist. Durch Schuld. Das Leben kennt tausend Arten zu knicken.
Und dann wird gezählt: Vierter Monat krankgeschrieben, und du schämst dich. Die Nachbarin fragt, wie es geht, und du sagst: Geht schon. Irgendwann fragt sie nicht mehr. Und irgendwann greifst du selbst zu und rechnest dich weg. Die tiefste Angst ist nicht der Schmerz. Die tiefste Angst heißt: Ich bin nur noch ein Problem. Lies den Satz nochmal.
Da ist eine Hand, die nach dem geknickten Rohr greift und es stehen lässt. Zwei Finger, die über den glimmenden Docht gehen und ihn glimmen lassen. Und dann fängt Gott an zu bauen – mit dem, was er findet. Und aus dem geknickten Rohr schneidet er die Flöte. Aus dem letzten Glimmen holt er das Feuer. Auch bei dir.
Der Autor ist Pfarrer in Bad Salzungen.
Autor:Online-Redaktion |
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