Stille, Gemeinschaft, Frieden
«Du bist ein Quäker - weißt es nur nicht»

Foto: epd-bild/Rolf Zöllner

Es gibt sie noch: Die «Religiöse Gesellschaft der Freunde», auch als Quäker bekannt, ist in Deutschland sehr klein, aber engagiert. Und viel mehr Menschen fühlen sich von ihrem Lebensstil angezogen.

Von Uta Rohrmann 

Weinstadt (epd). «Ich war Ausländerin, Frau und jung», erinnert sich Susanne Odeh an ihr freiwilliges soziales Jahr in London. Damals, Mitte der 1980er-Jahre, erlebte sie ihr erstes Treffen der Quäker. Ganz unterschiedliche Menschen saßen in London im Kreis zusammen, um gemeinsam eine stille Andacht zu erleben. Hatte jemand einen inneren Eindruck, teilte er diesen mit den anderen, ohne dass darüber diskutiert wurde. Keine vorbereitete Predigt durch einen Geistlichen, stattdessen mögliche spontane persönliche Beiträge aus der Stille heraus, sogenannte «ministries», völlig ohne Ritus.

«Es war eine volle Stille - keine tote Stille», sagt Susanne Odeh. «Ich wurde selbstverständlich als gleichwertiger Mensch akzeptiert. Ich habe mich dort zu Hause gefühlt», erzählt die gebürtige Hamburgerin, die evangelisch-lutherisch aufgewachsen ist.

Gemeinschaft ohne festes Bekenntnis

Die Quäker haben noch nicht einmal ein festgelegtes Glaubensbekenntnis. Aus der Überzeugung heraus, dass Gott größer ist, als sich das in menschliche Worte fassen lässt. Der Schuhmacherlehrling George Fox, der Mitte des 17. Jahrhunderts um geistliche Erneuerung rang und die «Society of Friends» ohne kirchlich-institutionelle Bindung gemeinsam mit anderen begann, wurde dafür verfolgt. «Freunde» nennen sich die Mitglieder der Gesellschaft in Anlehnung an das Evangelium nach Johannes, Kapitel 15. Dort bezeichnet Jesus von Nazareth seine Jünger, seine Nachfolger, als «Freunde».

Die Quäker sind gewiss, dass jeder Mensch ein «inneres Licht» hat, etwas von Gott. Dass eine Gemeinschaft spirituell tiefgehend sein kann, aber auch locker, dass Innerlichkeit mit praktischen Taten und öffentlichem Einsatz verbunden ist, dies faszinierte Susanne Odeh. Als Jugendliche zog sie ins baden-württembergische Remstal. «Quakers for peace» und «Bread not bombs» lauteten die Devisen, unter denen sie dort auf die Straße ging - zusammen mit körperbehinderten Menschen aus der Einrichtung, in der sie arbeitete.

Bundesweit rund 400 Anhänger

Die heute 62-Jährige hat in mehreren Ländern gelebt, im niederländischen Utrecht Physiotherapie studiert, einen palästinensischen Muslim geheiratet. In ihrer Wohnung in Weinstadt-Endersbach (Baden-Württemberg) plant die vierfache Mutter gerade mit zwei anderen international erfahrenen Quäkern das diesjährige Grenztreffen, bei dem sich die Freunde aus benachbarten Ländern austauschen. Die drei Planer sind drei von gerade einmal 262 Freunden, die in Deutschland als gemeinnütziger Verein organisiert sind. Hinzu kommen «Freunde der Freunde», regelmäßige Besucher ohne formelle Mitgliedschaft, sodass es in Deutschland den Angaben zufolge insgesamt rund 400 Anhänger gibt.

Die Hauptentscheidungen werden bei der «Deutschen Jahresversammlung» getroffen, mit allen Mitgliedern in Deutschland und Österreich. Wenn Quäker etwas zu entscheiden haben, egal auf welcher Ebene, dann ist das ein spannender Prozess, der nicht demokratisch abläuft und erst recht nicht hierarchisch. Es gilt das Prinzip der Einmütigkeit. «Das Quäkerischste sind unsere Geschäftsversammlungen, die ebenfalls im Sinne einer Andacht abgehalten werden - zuerst Stille, dann wird der erste Punkt vorgestellt», erklärt der Sonderschulpädagoge Mike Zipser. Wird trotz eingehender Prüfung kein Konsens gefunden, wird die Entscheidung vertagt.

Gott sprechen lassen

«Waiting upon the Lord» (auf Gott den Herrn warten) - diese Haltung der Quäker hat Mike Zisper, der an theologischen Seminaren von Mennoniten und Quäkern in den USA studiert hat, fasziniert: «Wann geben wir Gott Raum, zu uns und durch uns zu sprechen?» Mike Zipser, der zur Quäkergruppe in Kehl/Straßburg gehört, engagiert sich im Vorstand des europaweiten ökumenischen Netzwerks «Church and peace» für Gewaltfreiheit. Um Quäker zu sein, muss man nicht unbedingt Christ sein, aber die Quäkerüberzeugungen teilen: Frieden, Einfachheit, Gemeinschaft, Wahrhaftigkeit, Gleichwürdigkeit, ökologische Gerechtigkeit.

«Da ist eine Sehnsucht, die viele Menschen teilen - sie wollen ein bedeutungsvolles Leben. Manchmal denke ich: Du bist ein Quäker und weißt es nur nicht», sagt Annie Janssen. Die gebürtige Amerikanerin, die sich als Jugendliche vom Katholizismus abwandte und agnostisch wurde, fand nach dem Scheitern ihrer Ehe ihre endgültige spirituelle Heimat bei den Quäkern - zunächst in London, dann in München. Heute engagiert sie sich auch im weltweiten Dachverband der Quäker.

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Online-Redaktion

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