tausendundeine
GESCHICHTE
- hochgeladen von Matthias Schollmeyer
Menschen, die armen Menschen. Viele haben nichts als Kaufhalle, Geld und Automobil. Dort fahren sie! Irgendwohin. Um irgendwas zu kaufen. Sie lesen Kataloge. Keine Bücher. Gucken Netflix - aber kennen keinen Schicksalsentwurf, dem man tapfer folgen möchte.
Wen wir beneiden? Die Christen. Ihr Schicksal ist angebunden an die großen Mythen der Menschheit. Die Christen, die Christen und immer wieder die Christen, am meisten orientalische und orthodoxe. Die sind nicht angekränkelt von der diagnostizierenden Seuche theologischer Begriffe. Sondern leben mit Christus, was auch immer das heißt. Wissen, dass ein Engel neben ihnen geht, wenn sie was tun. Auf der rechten Seite. Und auf der linken tappt ein schwarzer Dämon. Man müsste sich entscheiden für eine der beiden Seiten. Der gute Gefährte - Christus - hilft bei der Entscheidung. Das wissen sie. Denn der hat das ganze Leben, das auch wir leben müssen, selber durchgemacht. Das volle Programm - von armseliger Geburt ex uxore virgine. Mit allen Konsequenzen. Die Schöne und der alte Mann waren seine Eltern. Dann eine Handwerkerlehre, irgendwie was mit Zimmermann, Holz und Nägeln. Und Splitter, die man sich dauernd einzieht. Er hat sich zum Lehrer aufgeschwungen und ein paar Leute begeistert. Ein Zeitfenster stand günstig offen. Die Himmelsluke ermöglichte, Wunder zu tun. Richtige Wunder, nicht nur irgendwelche. Heilungswunder, Dämonenbekämpfung - was sage ich - Besiegung war das. Nicht nur Bekämpfung. Brotvermehrung? Jawohl - 5000 Leute satt machen. Fünf Semmeln und zwei Fischstäbchen. Zum Schluss der Verbrechertod mit einem Sonder-Etikett oben drüber. Dass man ein König sei, und zwar nicht irgendein König, sondern - wenn schon, denn schon - der Judenkönig. Drauf dunkle Abfahrt zur Hölle. Die Begegnung dort mit Hades, seiner Frau und dem Hund. Dann der kräftige Tritt gegen die Pforten der Unterwelt. Adam und Eva kommen frei und mit ihnen andere. Bewährte und Bekenner. Schließlich noch einmal vierzig Tage mit alten Freunden unterwegs. Durch Blumen und Gärten zu wandeln, hin zum Weibe des Judas. Die arme Seele galt es zu trösten, denn der Mann war ja nun fort (Stichwort: Selbstmord). Schließlich ganz zum Schluss noch Himmelfahrt mit Bravour. Platz genommen zur Rechten des ewigen Schöpfers.
Das alles kennen die Christen. Nur sie kennen das. Mit tausendundeiner Geschichte könnten sie es beschreiben, wenn du sie fragen würdest. Sie wissen so viel davon, dass es keinen Unterschied macht, dass sie damals nicht gelebt haben. Weil sie es jetzt wissen, haben sie Anteil daran. Genau das ist das Große, was kaum keiner versteht.
Noch mal zurück zu den Menschen. Arme Menschen, die das alles nicht wissen. Nur Netflix haben, Automobil und zur Kaufhalle fahren - sonst nichts. Menschen lesen keine Bücher. Sie lesen Kataloge. Sie lesen Prospekte. Preislisten. Lesen, was man ihnen vorlegt, damit sie kaufen, damit sie immer wieder irgendwas kaufen. Sie sollen sich in der endlosen Schleife des Erwerbens/Verbrauchens bewegen - und das für persönliches Leben halten. Bücher lesen wäre gefährlich. Würde eine Richtung eröffnen, eine Spur, einen Schicksalsverlauf, dem man folgen könnte. Genau das ist es, was um jeden Preis vermieden werden soll.
Autor:Matthias Schollmeyer |
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