Kuriose Faszination
Die Theologie des Einhorns

Einhörner stehen vor Weihnachten auf vielen Wunschzetteln ganz oben. Ein "Unicornologe" weiß, warum das Fabeltier heute so populär ist – und was es mit der Bibel zu tun hat. 

Von Stefan Mendling

An Heiligabend erblickt es das Licht der Welt: Im 23. Türchen des Adventskalenders von Playmobil war bereits das Bettchen aus Stroh, pünktlich zum Christfest schlüpft das Einhornbaby aus seiner Plastikfolie und macht die Playmobil-Krippe komplett. Drum herum stehen Waldtierchen und Feen – ehrfürchtig betrachten sie das neugeborene Fabelwesen. Playmobil nennt seinen Adventskalender „Einhorngeburtstag im Feenland“. Wird hier Jesus durch ein Einhorn ersetzt? Gerät langsam in Vergessenheit, worum es an Weihnachten wirklich geht?

Christentum und Fabeltier

Das Gegenteil ist der Fall. Tatsächlich erinnert der Spielzeughersteller mit seinem Einhornkalender an die jahrhundertelange Beziehung zwischen dem Christentum und dem Fabeltier: „Das Einhorn war schon immer ein Symbol für Jesus Christus“, erklärt Professor Jochen Hörisch von der Universität Mannheim. Der Literatur- und Medienwissenschaftler bezeichnet sich selbst als „Unicornologen“. Er hat die Spuren des Einhorns verfolgt bis zu seinen Ursprüngen und weiß auch, warum das Fabeltier bis heute so populär ist. Es liegt unter anderem daran, dass das Einhorn schon immer ein Tier der Superlative gewesen ist.
„Es ist wichtiger als der Adler, wichtiger als das Lamm Gottes – es ist das Tier, das absolut zählt“, erklärt der Professor. Es sei das schönste, stärkste, reinste und keuscheste aller Tiere – ihm werden besondere Kräfte nachgesagt. Aber vor allem geht von ihm eine kuriose Faszination aus: Einhörner durchquerten mit erstaunlicher Regelmäßigkeit die europäische Hochliteratur, seien aber mittlerweile auch in den untersten Regionen der Popkultur angekommen in Form von Plüsch- und Plastikeinhörnern und Einhornschokolade.
Gerade auch an Weihnachten lassen Einhörner Mädchenherzen höherschlagen. Alles unchristlicher Kitsch? „Bei Weitem nicht!“, behauptet der Mannheimer Wissenschaftler, der auch die Kirche dafür verantwortlich macht, dass sich der Einhornkult bis heute gehalten hat: Das Einhorn war für die Theologen von großer Bedeutung – bis zur Aufklärung.

Kitsch oder Kunst

„Im Mittelalter glaubte jeder an Einhörner“, erklärt Hörisch. Auch Martin Luther bildet da keine Ausnahme. In seiner Schrift „Von wahrer und falscher Frömmigkeit“ beschreibt Luther das Einhorn als unbezähmbar. Gleich achtmal treibt das sagenhafte Tier in seiner Bibelübersetzung sein Unwesen: In den fünf Büchern Mose, in den Psalmen, bei Hiob und bei Jesaja. Auch war Luther davon überzeugt, dass Jesus am Kreuz an Einhörner denkt. Schließlich betet er mit den Worten des 22. Psalms „Errette mich von den Einhörnern!“ – nach Luther. Dies zeigt, dass Einhörner nicht immer waren, wie sie heute erscheinen. Luther stellt sich das Einhorn als kräftiges, unbändiges und wildes Tier vor, das in seiner Übermacht bedrohlich ist – von den Wesenszügen ähnelt es eher einem wilden Stier als einem Pferd.
Schon Hiob begegnet dem Einhorn mit Ohnmacht: „Meinst du, das Einhorn (re’em) wird dir dienen wollen und nachts bleiben an deiner Krippe?“, fragt Gott Hiob (Hiob 39, Vers 9) und fügt hinzu, dass auch der Versuch, ihm einen Strick anzulegen, vergeblich sein wird. Für Luther passt das alles zusammen: Es kann sich nur um das sagenumwobene Einhorn handeln.

Ein Übersetzungsfehler

Erst die revidierte Lutherübersetzung von 1984 schiebt dem Einhornglauben einen Riegel vor, ersinnt stattdessen den „Wildstier“. Tatsächlich gehen die Einhörner bei Luther auf einen Übersetzungsfehler zurück: Im hebräischen Urtext steht „re’em“ und meint ein Tier, „das sich weder fangen noch zähmen lässt“, weiß der Unicornologe aus Mannheim. Das hebräische Wort sei somit ein Sammelbegriff für alle „Nicht-Haustiere“.
Der Übersetzungsfehler hat sich nicht erst bei Luther eingeschlichen; schon die älteste Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, übersetzt „re’em“ mit „monokeros“, also Einhorn. Die Übersetzer kennen das Einhorn bereits aus der berühmten Tierkunde „Historia Animalum“ des Aristoteles. Dieser hat das Einhorn wiederum aus einem Bericht von Ktesias aus Knidos übernommen. Ktesias ist Leibarzt des persischen Königshauses und brachte das Einhorn buchstäblich von einer Indienreise mit: In seinem Werk „Indika“ schreibt er, es gebe dort „wilde Esel, die den Pferden gleich, nur größer sind; der Leib ist weiß, der Kopf purpurrot, die Augen dunkelblau: Auf der Stirn haben sie ein Horn von der Länge einer Elle“. Sein Horn soll heilende Kräfte haben: Ktesias empfiehlt das geraspelte Horn als Gegenmittel bei Vergiftungen und als Heilmittel bei Epilepsie. Doch fügt er hinzu: „Das Tier ist nicht leicht zu jagen.“
Dass der griechische Arzt Ktesias das Einhorn aus Indien importiert hat, ist für Professor Hörisch keine Überraschung, denn dort gibt es bereits die Legende vom Einhorn „Rsyasrnga“, das göttlichen Ursprungs ist und in strenger Askese lebt.

 

Das heilende Horn

Dem Einhorn wurden jahrhundertelang Heilkräfte nachgesagt, erklärt Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch von der Uni Mannheim. Wie schon Ktesias, der Leibarzt des persischen Königshauses, schwört Hildegard von Bingen auf das Einhorn: Neben einer detaillierten Anleitung zum Fangen existieren in ihrer Schrift „Physica“ Einhornrezepte. So empfiehlt sie eine Salbe aus pulverisierter Einhornleber gegen Aussatz oder Gürtel aus der Einhornhaut gegen Pest und Fieber. Dass es heute noch Einhornapotheken gibt, so Hörisch, sei eine Nachwirkung dieses Glaubens an die Heilkraft des Einhorns. 

Gottesbeweis

Es wird laut der Legende durch eine List zum Palast des Königs gebracht, indem es von Jungfrauen verführt wird. „Das Einhorn lässt sich nur im Schoße einer Jungfrau fangen“, fasst der Unicornologe die indische Legende zusammen. „Das hat es mit Jesus gemeinsam, da er auch im Schoße einer Jungfrau Mensch wird.“ Diese Verbindung zwischen Christus und dem Einhorn sei durch eine sehr wirkmächtige Schrift aus dem frühen Christentum populär geworden, dem Physiologus – neben der Bibel das wichtigste Buch im Mittelalter. Diese christliche Naturlehre beschreibt Tiere zunächst wissenschaftlich, um sie dann allegorisch auf die Heilsgeschichte hin zu deuten. Neben dem Phönix wird hier auch das Einhorn beschrieben, und zwar als die Inkarnation von Christus.
Hier wird klar, welchen Wert das Einhorn unter den Fabeltieren genießt: „Unter dem Niveau von Jesus Christus ist es nicht zu haben“, deutet Hörisch diese Allegorese. Außerdem hat der Physiologus Ikonografie, Wissenschaft und Literatur jahrhundertelang entscheidend geprägt. Deswegen ist das Einhorn als Symbol für Jesus Christus lange Zeit in Kirchenfenstern, auf Wandmalereien und Messgewändern zu finden.
Und mehr noch: „Das Einhorn galt als real existierender Gottesbeweis“, betont der Unicornologe. Darum habe vor allem die Kirche zu Beginn der Neuzeit verbissen die Existenz des Einhorns verteidigt: Theologen haben weiter Augenzeugenberichte gesammelt und versucht, das Einhorn zu retten. Doch mit der Aufklärung und der Entzauberung der Welt wird das Fabeltier nach und nach ins Reich der Fantasie verbannt – ohne seine Faszination dabei einzubüßen.
Bis dahin spielt das Einhorn überall eine Rolle: Auch im jüdischen Talmud kommt das Einhorn vor – als Passagier auf der Arche. Der Talmud nimmt sich der Frage an: Wie kommt ein so starkes und wildes Tier an Bord? Die Lösung: Es wurde mit dem Horn an die Arche gebunden und somit im Schlepptau hinter der Arche hergezogen. Dies ist von den Verfassern des Talmud durchaus ernst gemeint.
Es fasziniert in besonderer Weise, dass ein Tier, das es nicht gibt, so viele von seiner Existenz überzeugt hat. Fossile von versteinerten Einhörnern gibt es ebensowenig wie Fotos von Einhörnern in freier Wildbahn.

Vom Übermächtigen lernen

Heute glauben nicht einmal Kinder daran, dass es Einhörner wirklich gibt. An Weihnachten aber bricht sich seine Magie wieder Bahn. Falls ein Einhorn unter dem Baum liegt, sieht der Unicornologe darin die Chance zu lernen, mit dem Übermächtigen umzugehen. „In all seiner ultimativen Kraft und Herrlichkeit ist es zugleich ein sehr kultiviertes Tier, das die Botschaft mitbringt: Habt keine Angst!“ Nur eins mag Hörisch nicht: „Wenn das Einhorn unter Wert behandelt wird als harmloses Plüschhorn. Das hat es nicht verdient.“

Autor:

Online-Redaktion aus Weimar

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