Rezension
Wie Corona einem Buch die Relevanz raubt

Es ist ja so, dass man eigentlich keine Filme und Serien schauen kann, ohne in Szenen, in denen sich Menschen näher als anderthalb Meter kommen, zu denken: "Abstand halten bitte!" Man könnte denken, Literatur sei davon nicht betroffen. Doch ist im Frühjahr ein Buch erschienen, das, durch die Corona-Brille gelesen, viel von seiner Relevanz verliert.

Bei „Lieber Dietrich … Dein Jürgen“ handelt es sich um einen fiktiven Briefwechsel des Autors und Musikers Jürgen Werth mit Dietrich Bonhoeffer. Deren Briefsammlung, 1951 unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht, las Werth erstmals mit 16. Mehr als 50 Jahre später nahm er den 75. Jahrestag der Hinrichtung Bonhoeffers in diesem Jahr zum Anlass, ihm zu antworten und damit die Gedanken des Widerstandkämpfers auf die heute Zeit zu projizieren. Das gelingt manchmal mehr und manchmal weniger gut, wirkt leider oft erzwungen und belanglos.

Die Isolation der Zelle im Gefängnis der Wehrmacht in Berlin-Tegel und später im Hauptquartier der Gestapo in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße, aus der Bonhoeffer seine Briefe schrieb, wird durch die Erfahrungen der vergangenen Wochen für uns in einer Weise nachvollziehbar, wie es noch Anfang des Jahres unmöglich schien. Wenn Bonhoeffer davon schreibt, wie er Ostern, Pfingsten, Weihnachten allein feierte, liefert er wertvolle, theologische Einblicke, worin der eigentliche Wert der Feste liegt, worauf es sich zu konzentrieren gilt. Werths Antworten konnten auf dieses außergewöhnliche Erleben nicht zurückgreifen. So werden seine Ausführungen an vielen Stellen plötzlich irrelevant. Doch vielleicht liegt darin auch die große Chance des Buchs. Als Leserin teilt man nun mit beiden Autoren exklusives Wissen: mit Bonhoeffer die Abgeschnittenheit und mit Werth den gesellschaftlichen Kontext. Unweigerlich ist man deshalb herausgefordert, die Gedanken der beiden für sich selbst neu zu durchdenken.

Trotzdem muss man sagen, dass der große Mehr-wert in Bonhoeffers Ausführungen zu finden ist. Das Buch regt dazu an, seine vollständigen Briefe und Schriften (wieder) zu lesen – auch ohne den Mittler Werth. Mirjam Petermann

Werth, Jürgen: Lieber Dietrich … Dein Jürgen. Über Leben am Abgrund – ein Briefwechsel mit Bonhoeffer, Gütersloher-Verlagshaus, 192 S., ISBN 978-3-579-06613-4, 18 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (0 36 43) 24 61 61 Rezension

Autor:

Mirjam Petermann aus Eisenach-Gerstungen

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