Ulrich Schacht zum 70. Geburtstag
Freiheit gibt es nur in der Revolte

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Nicht „auf den kleinsten gemeinsamen Nenner“ wäre Wolf Biermann mit „diesem Menschen“ gekommen. Doch schickt er dem 67-jährig Verstorbenen ein Gedicht und wünscht: Es möge „ihm gefallen“, wenn „er es irgendwo irgendwie irgendwann in die Finger kriegt“.
Biermann ist eine der wenigen kritischen Stimmen im vorliegenden Gedenkbuch für den Schriftsteller und Journalisten Ulrich Schacht, der als konservativer Lutheraner zuletzt mit AfD und Schwedendemokraten sympathisierte. Das Gros der Beiträge in dem Band "Wegmarken und Widerworte" stammt von geistlichen wie politischen Weggefährten, von Mitgliedern der Familie und Kollegen.
In ihren Spiegelungen wird ein Mann ansichtig, der körperlich an Kardinal Marx oder Martin Luther erinnerte und dessen Lachen eigentümlich war: Ein zerbrechlicher Polterer, geboren 1951 im Frauengefängnis Hoheneck, worüber er 1984 die Hohenecker Protokolle veröffentlichte. Ein politischer Gefangener in der DDR, der zeitlebens gegen die Verharmlosung der SED-Diktatur anging. Ein schwarz-weiß und richtig-falsch Denker, der 1789 (Frankreich) mit 1917 (Russland) und 1933 (Deutschland) in eine gottlose Reihe setzte und der 1989 als heilsgeschichtlichen Moment erlebte. Ein Mensch, für den es Freiheit vor – und nach diesem Datum „nur in der Revolte“ gab, schreibt Hellmut T. Seemann, der ehemalige Präsident der Klassikstiftung Weimar.
Den stärksten Eindruck bei der Lektüre macht die eingestreute Lyrik Schachts. Sie weckt Leselust – auch auf Erzählungen und Romane wie „Brandenburgische Konzerte“, „Vereister Sommer“, „Grimsey“ oder „Notre Dame“. Dagegen ruft sein später politischer Weg – bei allem Respekt für den frühen – tatsächlich Kopfschütteln hervor. Manche politische Äußerungen Schachts wirken in der Papierform erstaunlich platt, einige seiner Freunde sind schwer erträglich.
Bemerkenswert bleibt sein Engagement als Mitgründer und Leiter der Evangelischen Bruderschaft St. Georg. Ein Gedanke Schachts zur „Quelle der Freiheit“ ist dem Buch vorangestellt: „Gott entlässt mich, ausgestattet mit dem Spiel-Raum meines Lebens, in die Freiheit seines Seins. Ich kann von ihm ausgehen wie von einem immerwährenden Grund.“
Anrührender als Biermann denkt Stephan Krawczyk an Ulrich Schacht. Er war in dessen Dichtung so fündig geworden „wie sonst nur noch bei Brecht.“ Krawczyk schreibt: „Für jemanden, der Ulrich Schacht nicht oder nur flüchtig kannte, mag er nicht fehlen, mir aber fehlt er, und ich weine noch immer um ihn.“
Sebastian Kranich

Der Autor der Rezension ist Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen.
Seidel, Thomas A., und Kleinschmidt, Sebastian (Hrsg.): Wegmarken und Widerworte. Ulrich Schacht zum 70. Geburtstag, Evangelische Verlagsanstalt, 350 S., ISBN 978-3-374-06733-6; 29,00 Euro

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Online-Redaktion

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