"Ich habe meinem Vater nie Vorwürfe gemacht"

Gedenken: Landesbischof Friedrich Kramer (v. l.) und die Töchter von Oskar Brüsewitz, Esther Fröbel und Dorothea Eichmann. | Foto: epd-bild/Thomas Nawrath
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Mit einem Gottesdienst in Rippicha wurde am 23. August an Oskar Brüsewitz erinnert. Die Selbstverbrennung des Pfarrers vor 50 Jahren in Zeitz stürzte das DDR-Regime in eine Krise. Auf die Kirche wurde Druck ausgeübt, sich von Brüsewitz zu distanzieren. Was zeigen die Akten 50 Jahre danach?

Von Thomas Nawrath

Mehrere Bücher und zwei Filme haben den Feuertod des evangelischen Pfarrers Oskar Brüsewitz (1929–1976) vor 50 Jahren und die folgende Auseinandersetzung von Kirche und Staat in der DDR beleuchtet. "Dass die verschiedenen Wege der Annäherung zu unterschiedlichen Bewertungen führen können, ist nicht verwunderlich", sagte der Theologe Christian Fuhrmann. Im Rahmen einer Forschungsarbeit wurde er von der EKM mit der kritischen Sichtung der Akten beauftragt.

"Die DDR-Führung erwartete, dass sich die evangelische Kirche von der Tat und der Person Brüsewitz klar distanziert", sagte Fuhrmann. Man wollte die Selbstverbrennung in Zeitz "unter der Decke halten". Als dann jedoch in bundesdeutschen Medien Berichte erschienen, begann eine Kampagne mit Schmähungen gegen Oskar Brüsewitz und die Kirche. Trotz enormen Drucks habe die Kirchenleitung standgehalten.

Ansichten zum Fall variieren

Die Tat an sich konnte die Kirche natürlich nicht gutheißen, meint Fuhrmann. Doch beim Begräbnis von Pfarrer Oskar Brüsewitz in Rippicha am 26. August 1976 bekräftigte Propst Friedrich-Wilhelm Bäumer (1917–2003): "Wir distanzieren uns von Bruder Brüsewitz nicht." Aufgrund der staatlichen Verleumdungskampagne habe sich auch Bischof Werner Krusche (1917–2009) gezwungen gesehen, beim Kirchentag in Halle Anfang September klar Position zu beziehen.

Laut Fuhrmann führte das dazu, dass dem Kirchenmann vonseiten staatlicher Stellen und der SED unterstellt wurde, ein Lügner zu sein: "Die Kirche hat im Hinblick auf Öffentlichkeitsarbeit nicht das geleistet, was von der DDR-Staatsführung erwartet wurde", ergänzte Fuhrmann. Doch zugleich setzte eine innerkirchliche Debatte ein, die mehr Distanz zum Staat einforderte.


"Die Kirche hat nicht das geleistet, was von der DDR-Staatsführung erwartet wurde."

Die Akten zeigten aber auch, dass bisweilen verschiedene Ansichten zu einem Thema herrschen, sagte Fuhrmann. Zu einer solchen Situation kam es 1977 in der Debatte um die Namensgebung des Brüsewitz-Zentrums in Bad Oeynhausen. Demnach befindet sich im Kirchenarchiv der EKM "das handschriftliche Exemplar von Frau Brüsewitz, dass sie der Namensgebung mit dem Namen ihres Mannes nicht zustimmt", sagte Fuhrmann. Hingegen berichteten die Initiatoren des Zentrums, dass sie keine Einwände gegen die Namensgebung habe. "Fragen weckt die Tatsache, dass auf die Situation von Frau Brüsewitz in diesem Ringen offenbar wenig Rücksicht genommen wurde", sagte Fuhrmann.

Verkürzte Antworten greifen nicht

Zum Jahrestag der Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz vor 50 Jahren hat Landesbischof Friedrich Kramer in Zeitz vor verkürzten Deutungen gewarnt. "Ob sein selbst gewählter Feuertod politisch, religiös oder anders motiviert war, ist nicht zu beantworten", sagte er bei einer Gedenkveranstaltung am 18. August.

Kramer rief dazu auf, sich weiterhin anrühren zu lassen von dem, was Brüsewitz umgetrieben habe. "Niemand hat das Recht, auch ich als Landesbischof nicht, die Selbstverbrennung des Pfarrers von Rippicha theologisch abzuwerten", sagte Kramer. "Wir sollten empathisch auf ihn blicken." Dann würden wir sehen, dass der Tod für Brüsewitz nichts Schreckliches gewesen sei, «sondern eben das Gehen zum Herrn und König. Dann war das ,Signal von Zeitz‘ das Zeugnis seines individuellen Glaubens», folgerte der Landesbischof.

Brüsewitz’ Töchter erinnern sich

Den Glauben ihres Vaters betonten auch Esther Fröbel und Dorothea Eichmann, die Töchter von Oskar Brüsewitz. Beim Gedenken lasen sie im Wechsel den 27. Psalm: «Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?» Die jüngste Tochter von Oskar Brüsewitz, Dorothea, war erst 16 Jahre alt, als ihr Vater sich öffentlich verbrannte. "Ich habe meinem Vater nie Vorwürfe gemacht", sagte sie Nach ihrer Erinnerung war sein Entschluss wohl über viele Monate gereift, es sei jedenfalls keine spontane Aktion gewesen, sagte Eichmann. "Das Transparent, das er mit nach Zeitz nahm, hatte er schon im Januar geschrieben."

In Rippicha, wo Oskar Brüsewitz vor 50 Jahren beigesetzt wurde, fand am Sonntag ein Gottesdienst statt. In Anwesenheit der Töchter betonte Regionalbischof Johann Schneider, dass es Pfarrer Brüsewitz ernst war "mit seiner Botschaft, mit dem Evangelium von Jesus Christus". Ebenso "mit seiner Sorge um die Kinder und Jugendlichen", um sie vor den Lügen des Marxismus-Leninismus zu schützen. Doch für die Kirchenleitung war er oft nur jemand gewesen, "der störte, weil er den neuen Weg der Kirche im Sozialismus" nicht gutheißen wollte, sagte Schneider.

(epd/red)

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Thomas Nawrath

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